Dienstag, 16. August 2005

Frere Roger ermordet: Bestürzung und Trauer am Weltjugendtag in Deutschland

  • Bruder Alois will Werk des Verstorbenen fortsetzen

Papst Benedikt XVI. sowie die Spitzen der christlichen Kirchen und der Politik in Deutschland haben mit Bestürzung auf den gewaltsamen Tod des Geistlichen Frere Roger reagiert. Der Tod des besonders von Jugendlichen verehrten Gründers der ökumenischen Gemeinschaft im französischen Taize (Taizé) überschattete auch den Weltjugendtag in Köln. Tausende Pilger versammelten sich am Mittwoch in der Kölner St. Agnes Kirche und im Bonner Münster zu Meditationen im Gedenken an Roger.

Papst Benedikt XVI. sprach in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo von einer schrecklichen Nachricht. Der Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner schrieb an die Gemeinschaft von Taize, die zum Weltjugendtag in Köln versammelten Jugendlichen aus 193 Ländern würden Frere Rogers im Gebet gedenken. Das offizielle Programm des Weltjugendtages soll allerdings nicht geändert werden. Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder würdigten den Geistlichen als herausragende Persönlichkeit.

Frere Roger war am Dienstag nach Angaben der französischen Polizei von einer Frau während eines Abendgebets vor 2.500 Gläubigen erstochen worden. Roger, ein protestantischer Pastor aus der Schweiz, war eine der führenden Figuren der ökumenischen Bewegung und genoss großen Respekt unter den verschiedenen Konfessionen. Seinen ökumenischen Männerorden gründete er 1940 in der burgundischen Ortschaft Taize, in der er zunächst Flüchtlinge des Zweiten Weltkriegs aufnahm.

Der Papst erklärte: "Diese überaus traurige Nachricht trifft mich umso mehr, weil ich gerade erst gestern einen Brief von ihm erhalten habe." Darin habe der 90-Jährige bedauert, dass er wegen seiner angeschlagenen Gesundheit nicht zum Weltjugendtag nach Köln reisen könne, sagte Benedikt XVI., der am Donnerstag in Köln erwartet wird. Bei der Beerdigung von Papst Johannes Paul II. hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger Frere Roger in einer weltweit beachteten Geste die Kommunion gespendet, was einem Nicht-Katholiken eigentlich verwehrt ist.

Kardinal Meisner trug sich wie viele andere Gläubige bei einem Besuch in der Kölner St. Agnes Kirche in ein Kondolenzbuch ein. In dem Gotteshaus wie auch im Bonner Münster hat die Gemeinschaft von Taize ein geistliches Zentrum während des Weltjugendtags. Gläubige legten Blumen nieder und stellten Kerzen auf.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, nannte Frere Roger einen Menschen der Versöhnung, des Trostes und der Zuversicht aus dem Glauben. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, nannte es absurd, dass gerade Menschen, die sich besonders für Gewaltfreiheit einsetzten, häufig durch Gewalttaten umkämen.

Schröder würdigte Frere Roger als eine der großen religiösen bedeutsamen Persönlichkeiten der Gegenwart. "Sein Vorbild und seine Ziele werden unvergessen bleiben", schrieb Schröder mit Blick auf Rogers Engagement zur Aussöhnung der Konfessionen. Bundespräsident Köhler sprach dem deutschen Bruder Alois, den Roger vor acht Jahren zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, und der gesamten Taize-Gemeinde in einem Schreiben sein Mitleid aus. Rogers Tod müsse "daran erinnern, dass die Ökumene, die Einheit der Kirche, etwas ist, dass wir ernsthaft angehen müssen", sagte Köhler beim Besuch eines Weltjugendtagscamp in Bonn.

In der Kölner Kirche St. Agnes hatten sich bereits am Vormittag mehrere hundert Menschen zu einem Gebet versammelt. Pater Dominik Meiering von der Gemeinde Sankt Agnes sagte: "Wir haben die Nachricht vergangene Nacht gehört und waren vollkommen geschockt." Auch im Globalen Dorf, einem Begegnungszentrum zum Weltjugendtag in Bonn, wurde des Getöteten gedacht. Die meisten von ihnen hätten in der Katechese am Vormittag vom Tod des Taize-Gründers erfahren, berichtete ein Mädchen. "Als die Nachricht kam, war es jedoch plötzlich ganz still." Am Nachmittag herrschte wieder fröhliche Stimmung, als der Bundespräsident das Camp besuchte. Er wurde mit Liedern empfangen.

Eine Sprecherin des Weltjugendtages sagte, Änderungen am Programm des bis Sonntag dauernden Treffens seien nicht vorgesehen. Auch die Sicherheitsvorkehrungen beim Weltjugendtag werden nach den Worten des Sicherheitschefs nicht verändert. Die Situation in Köln sei mit jener in Frankreich nicht zu vergleichen. Zu den Hauptereignissen des Weltjugendtags, der Nachtwache und dem Abschlussgottesdienst mit dem Papst, werden rund 800.000 Pilger aus aller Welt erwartet.

Der deutsche Nachfolger des Geminschaftsgründers in Taizé will das Werk von Frère Roger in dessen Sinne fortsetzen. "Wir sind dankbar für den Weg, den Frère Roger uns eröffnet hat, und wir werden ihn weiter beschreiten", sagte der 51-jährige Ordensbruder Alois. Er wisse nicht, warum Frère Roger ihn vor acht Jahren zum Nachfolger bestimmt habe, sagte der Katholik. Es sei aber eine Wahl für "die Kontinuität der Gemeinschaft". 1940 hatte der Protestant Roger diese erste ökumenische Gemeinschaft der Kirchengeschichte gegründet.

(apa/red)

16.8.2005 22:39