Donnerstag, 18. August 2005

"Strahl der Liebe und Hoffnung": Tausende Trauernde bei Beisetzung von Frère Roger

  • Kurienkardinal Kasper hat die Trauermesse gehalten

Im Beisein von tausenden Trauergästen aus aller Welt wurde im französischen Taizé die Totenmesse für den ermordeten Gründer der ökumenischen Gemeinschaft, Frère Roger, abgehalten. Der Gottesdienst in der von der ökumenischen Gemeinschaft selbst errichteten Kirche der Versöhnung wurde von einem mehrsprachigen Gesang und einer Huldigung des aus Deutschland stammenden Roger-Nachfolgers, Frère Alois, eingeleitet. Sieben TV-Anstalten übertrugen den Gottesdienst.

Für den Vatikan war der deutsche Kardinal Walter Kasper nach Taizé gereist, der in Rom für die Ökumene zuständig ist. Kurienkardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, hielt den Gottesdienst für den protestantischen Theologen. Er würdigte Roger, "der mit seiner Gegenwart, seinem Wort und seinem Beispiel einen Strahl der Liebe und der Hoffnung verbreitet hat, weit über die Grenzen und Spaltungen dieser Welt hinaus". Danach wird Frère Roger, der vor einer Woche beim Abendgebet von einer offenbar geistesgestörten Frau durch Messerstiche tödlich verletzt wurde, auf dem Friedhof der kleinen Gemeinde in Burgund beigesetzt werden.

An der Trauermesse in Taizé nehmen auch Vertreter des orthodoxen Moskauer Patriarchats teil. Aus Deutschland kamen Bundespräsident Horst Köhler und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Wolfgang Huber. Namens der französischen Regierung wohnte Innenminister Nicolas Sarkozy den Trauerfeiern bei. Trotz Regens drängten sich seit den frühen Morgenstunden Trauergäste vor der Kirche des kleines Ortes im Burgund.

Vor 2.500 Gläubigen erstochen
Der 90-jährige charismatische Roger war vor einer Woche bei einem Gebetstreffen vor 2500 Gläubigen von einer vermutlich geistesgestörten 36-jährigen Frau aus Rumänien erstochen worden. Die französische Polizei hält die Frau inhaftiert, die beim Abendgebet der ökumenischen Gemeinschaft in Taizé aufstand und Frère Roger mit einem Messer niederstach. Ihre Motive sind bisher nicht bekannt. Kirchenvertreter und Politiker reagierten bestürzt auf die Bluttat. Zum Nachfolger von Frère Roger an der Spitze der Taizé-Bewegung wurde - noch von diesem selbst - Bruder Alois bestimmt, ein aus Deutschland stammender Katholik. Frere Alois will das Lebenswerk Rogers in dessen Sinn fortsetzen.

"Wir sind zwölf Stunden gefahren und heute früh um sechs Uhr angekommen", erzählte am Dienstagvormittag ein junger Italiener. Er habe es keinesfalls versäumen wollen, Frère Roger, der sich Zeit seines Lebens für eine Überwindung der Spaltung zwischen den christilichen Konfessionen eingesetzt hatte, die letzte Ehre zu erweisen. Schon am Montagabend waren 5000 Menschen beim Abendgebet in Taizé gezählt worden. Am Dienstag waren es rund 10.000 vorwiegend junge Menschen, die in Taizé dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen wollten. Rund 120 Feuerwehrleute, hundert Gendarmen und 70 Sanitäter und Hilfskräfte des Roten Kreuzes sind in Taizé, um einen geordneten Ablauf der Trauerfeier zu gewährleisten.

Friedenspreis erhalten
Der protestantische Geistliche Frere Roger wurde am 12. Mai 1915 in Provence im Schweizer Kanton Vaud als Roger Schutz-Marsauche geboren. Seine Mutter war eine Französin aus Burgund, sein Vater ein reformierter Pfarrer aus der Schweiz. Für seinen Friedenseinsatz erhielt er 1974 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, 1988 den UNESCO-Preis für Friedenserziehung und 1989 den Internationalen Karlspreis der Stadt Aachen. Letztere Auszeichnung nahm der bescheidene Christ erst nach reiflicher Überlegung an.

In der ökumenischen Gemeinschaft in dem burgundischen Taizé leben etwa 100 Brüder aus 25 Nationen. Im Laufe der Jahre haben sich Millionen Jugendliche mit den Themen der Gemeinschaft beschäftigt, mit Nächstenliebe, Frieden und Versöhnung. Wichtig ist dabei die Achtung vor Andersdenkenden aller Glaubensrichtungen, ob orthodoxe Christen, Katholiken, Protestanten, Juden oder Muslime. (apa)

18.8.2005 11:16