Donnerstag, 18. August 2005

Nach dem Tod des Brasilianers Menezes: Polizeichef Blair schließt einen Rücktritt aus!

  • Brasilien will Ermittlerteam nach London schicken

Der britische Polizeichef Ian Blair hat trotz der jüngsten Enthüllungen zu den Todesschüssen der Londoner Polizei auf einen jungen Brasilianer seinen Rücktritt ausgeschlossen. Ein tragischer Tod dürfe nicht die Arbeit der Anti-Terror-Ermittler zerstören, sagte Blair am Freitag in London. Die brasilianische Regierung kündigte an, ein eigenes Ermittlerteam nach Großbritannien zu schicken. Medienberichten zufolge wurde ein Mitarbeiter der unabhängigen Beschwerdestelle von Scotland Yard (IPCC) vom Dienst suspendiert, nachdem er dem Fernsehsender ITV die enthüllenden Dokumente und Videoaufnahmen zugespielt hatte.

Polizeichef Blair lehnte einen Rücktritt ab. Der Tod von Jean Charles de Menezes sei zwar tragisch, "aber wir haben uns entschuldigt und die Verantwortung dafür übernommen". Der Brasilianer sei letztlich eines von 57 Todesopfern, sagte Blair in Anspielung auf die Anschläge vom 7. Juli, bei denen 56 Menschen ums Leben kamen. "Wir können nicht zulassen, dass dieser tragische Tod alles andere überwiegt", betonte er.

Der Polizeichef wies Vorwürfe zurück, er habe Pannen und Fehler bei dem Einsatz zu vertuschen versucht. Eine Vertuschung habe es nicht gegeben, sagte er der Zeitung "Evening Standard". Zuvor hatte der stellvertretende IPCC-Leiter John Wadham Presseberichte bestätigt, wonach sich Blair zunächst gegen eine unabhängige Untersuchung der irrtümlichen Todesschüsse gesperrt haben soll. Diese wurde aber schließlich vom Innenministerium gebilligt.

Die brasilianische Regierung drückte ihre Empörung über die Umstände des Todes von de Menezes aus. Eine Delegation unter Leitung des stellvertretenden Generalstaatsanwalts Wagner Goncalves solle am Montag nach London reisen, um dort direkt mit den Ermittlern zu sprechen, teilte das Außenministerium in Rio de Janeiro mit. Die Delegation werde angesichts der Berichte und der alarmierenden Bilder "umfassende Erklärungen" fordern.

Ein Cousin des Getöteten, Alessandro Pereira, bezeichnete die Todesschüsse auf seinen Verwandten als "Mord". De Menezes sei wie alle Londoner jeden Tag zur Arbeit gegangen, "nur nicht am 22. Juli, da wurde er auf dem Weg zur Arbeit ermordet", sagte Pereira vor Journalisten in London: "Sie haben Jean getötet und uns belogen." Die Polizisten, die seinen Cousin getötet hatten, müssten zur Rechenschaft gezogen werden, forderte er.

De Menezes wurde am 22. Juli, einen Tag nach der zweiten Bombenserie in London, von Polizisten durch gezielte Kopfschüsse getötet. Am Mittwoch von ITV veröffentlichte Fotos und Zeugenaussagen brachten die Version der Polizei ins Wanken, wonach sich der 27-Jährige am U-Bahnhof Stockwell durch ungewöhnlich winterliche Kleidung und Überspringen der Eingangssperre zur U-Bahn verdächtig gemacht habe. Fotos und Videoaufnahmen zeigen, dass der Elektriker eine leichte Jeansjacke trug und den U-Bahnhof langsamen Schrittes betrat. Den von ITV öffentlich gemachten Dokumenten zufolge wurde de Menezes von einem Polizisten festgehalten, als er mit acht Kugeln erschossen wurde.

Die ITV-Enthüllungen zu den Todesschüssen sind Berichten der britischen Nachrichtensender BBC und Sky News zufolge auf einen bei der IPCC tätigen Informanten zurückzuführen. Er wurde den Berichten zufolge vom Dienst suspendiert. Die Beschwerdestelle und Scotland Yard wollten sich zu den Berichten zunächst nicht äußern.

(apa)

18.8.2005 07:42