Montag, 8. August 2005

Kinder und Handys: 80 Prozent der Öster- reicher glauben an eine Strahlengefahr

  • 53 Prozent halten ÄK-Studie aber für übertrieben
  • WBF: Herbe Kritik an der Wiener Ärztekammer

80 Prozent der Österreicher glauben, dass beim Telefonieren mit Handys eine Strahlengefahr gegeben ist. Laut einer Umfrage des Klagenfurter Humaninstitutes bewerten aber nur neun Prozent eine derartige Gefahr als "sehr groß", 25 Prozent als "gegeben" und 46 Prozent als "gering". 20 Prozent sind der Meinung, dass gar keine Strahlung auftritt.

Laut der österreichweit durchgeführten Befragung bezeichneten 53 Prozent der insgesamt 700 Interviewten die von der Ärztekammer veröffentlichte Studie, in welcher auf dramatische Gefahren beim Handy-Gebrauch hingewiesen wird, als "übertrieben". Weitere 27 Prozent meinen, man sollte diese Untersuchung "nicht ernst nehmen" und sieben Prozent vertreten sogar die Auffassung, sie überhaupt "nicht zu registrieren". Lediglich 13 Prozent treten dafür ein, auf Grund der Studie "sofort Konsequenzen zu ziehen".

Wie groß inzwischen der Stellenwert der Mobiltelefonie ist, ergibt sich aus dem Umstand, dass sich 69 Prozent der Befragten ein Leben ohne Handy nicht mehr vorstellen können. Nur 18 Prozent würden demnach ohne ein solches auskommen, 13 Prozent wussten keine Antwort auf diese Frage.

Rauch-Kallat fordert neue Studie
Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat (V) gibt sich abwartend in Bezug auf die Warnungen der Ärztekammer zu übermäßigem Handygebrauch. Ihre Sprecherin, Daniela Reczek, meinte zur APA am Rande des Ministerrates am Dienstag, dass die Ministerin den Obersten Sanitätsrat (OSR) mit einer neuerlichen Untersuchung beauftragt habe. Die Ergebnisse seien in zwei bis drei Wochen zu erwarten.

WBF kritisiert Ärztekammer
Die unter Berufung auf eine von der EU geförderte Studie erfolgte Warnung der Wiener Ärztekammer, wonach übermäßiger Handygebrauch speziell für Kinder schädlich sein kann, hat zu geharnischter Kritik durch Wissenschafter geführt. Der stellvertretender Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats Funk (WBF), Univ.-Prof. Dr. Christian Wolf, kritisierte in einem offenen Brief den Präsidenten der Kammer, Prim. Dr. Walter Dorner.

"Wenn sich die ärztliche Standesvertretung öffentlich einem so sensiblen Thema widmet, so ist zumindest zu erwarten, dass sie mit der Thematik vertraut ist und die Studienergebnisse, auf die sie sich in ihren Aussagen und Empfehlungen bezieht, sorgfältig studiert hat. Ich bedaure sehr, dass dies im gegenständlichen Fall nicht so gewesen sein kann", heißt es in dem Schreiben. "Die von der ÄK Wien getätigten Aussagen und die daraus resultierenden Empfehlungen sind nicht nachvollziehbar und entbehren derzeit auch jeder wissenschaftlichen Grundlage", erklärte der Wiener Arbeitsmediziner.

Leitlinien der Ärztekammer
Die Ärztekammer hat unter Hinweis auf einen in der so genannten Reflex-Studie festgestellten gentoxischen Effekt Leitlinien für mobiles Telefonieren erstellt. Empfohlen wurde unter anderen, nur in dringenden Fällen und dann nur kurz zu telefonieren, nicht am Handy zu spielen sowie es nachts nicht in Kopfnähe aufzubewahren oder besser überhaupt auszuschalten. Das Tragen von Mobiltelefonen in der Hosentasche und auch das Versenden von SMS unter der Schulbank kann laut Kammer die Fruchtbarkeit beeinträchtigen.

In-vitro-Experimente nicht in Gesundheitsrisiko umrechenbar
"Eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung mit den Ergebnissen der Reflex-Studie zeigt nämlich, dass, wie der Leiter des Österreich-Parts der Studie, Prof. (Hugo, Anm.) Rüdiger, mehrfach darauf hingewiesen hat, 'betont werden muss, dass alle im Reflex-Projekt erhobenen Daten aus In-vitro-Experimenten stammen und nicht direkt in ein Gesundheitsrisiko umgerechnet werden können. Ob und welche der beobachteten Effekte auch in vivo relevant sind, ist bisher nicht bekannt'", heißt es in dem offenen Brief. "Selbstverständlich müssen die 'in-vitro'-Ergebnisse der Reflex-Studie ernst genommen werden, sie sollten auch Anlass für weiterführende Untersuchungen sein", meinte Wolf.

Ärztekammer verteidigt Leitlinien
Die Wiener Ärztekammer hat ihre - zum Teil massiv kritisierten - Leitlinien zum Gebrauch von Mobiltelefonen verteidigt. "Sollen wir noch weitere fünf oder zehn Jahre auf noch konkretere Studienergebnisse warten?", meinte Kammerpräsident Walter Dorner am Montag in einer Aussendung. Ärzte hätten die Pflicht, mögliche Gesundheitsgefährdungen dann aufzuzeigen, wenn sich die Hinweise darauf verdichten. (APA/red)

8.8.2005 11:29