Dienstag, 9. August 2005

Trotz "Discovery"-Erfolg: NASA kann das "Columbia"-Trauma nicht bannen!

  • Glaubwürdigkeit der NASA durch neue Pannen beschädigt

Als der Riesenvogel am noch nächtlichen Himmel über der Mojave-Wüste auftauchte und dann um 5.11 Uhr Ortszeit sanft auf der kalifornischen Luftwaffenbasis Edwards niederging, war die Erleichterung bei der NASA ungeheuer. Mit "Glückwünschen zu einem wirklich spektakulären Testflug" wurden die sieben Astronauten am Dienstag bei ihrer Rückkehr vom Kontrollzentrum begrüßt.

Doch das Trauma der "Columbia", die vor zweieinhalb Jahren beim Landeanflug auseinander gebrochen war, ist mit der geglückten Rückkehr der "Discovery" keineswegs gebannt. Dafür war diese erste Mission seit dem Desaster von zu vielen Pannen begleitet.

Der "Discovery"-Flug, der den hoffnungsvollen Neubeginn der bemannten Raumfahrt der USA markieren sollte, wurde zu einer zweiwöchigen Zitterpartie. Der Sorge über die beim Start vom Außentank weggebrochenen Schaumstoffbrocken folgte das Nervendrama um die erstmals in der Geschichte der Shuttle-Programms ausgeführten Reparaturarbeiten im All an dem Orbiter. Im Schlussakt wurden dann die Nerven schließlich zusätzlich dadurch strapaziert, dass wegen des ungünstigen Wetters in Cape Canaveral in Florida die Landung mehrfach verschoben und schließlich nach Edwards in Kalifornien verlegt werden musste.

Vor dem Flug hatte die NASA glauben zu machen versucht, die größten Risiken seien durch die rund 1,5 Milliarden Dollar (1,2 Milliarden Euro) teure Generalüberholung des Shuttle-Programms beseitigt worden. Doch dem war offenbar nicht so. Den schwersten Rückschlag stellte ein etwa 400 Gramm schwerer Schaumstoffbrocken von der Isolierung des Außentanks dar, der beim Start der "Discovery" abplatzte. Ein solches Teil hatte das "Columbia"-Desaster ausgelöst, indem es den Hitzeschutz des Raumgleiters beschädigte. Diesmal segelte das Stück zwar am Shuttle vorbei - hätte es ihn getroffen, wäre dies aber "wirklich schlimm" gewesen, gestand die NASA ein.

Die erneuten Probleme mit der Schaumstoffisolierung veranlassten die Raumfahrtbehörde zur vorläufigen Suspendierung aller weiteren Flüge. Während der abermaligen Sicherheitsüberprüfung wird sie sich zudem mit den Ursachen des Schadens zu befassen haben, den US-Astronaut Stephen Robinson mit einer riskanten Operation behob: Während der erstmaligen Reparatur eines Shuttle im Weltraum entfernte er zwei überstehende Teile des Füllmaterials zwischen den Hitzeschutzkacheln. Und auch das Stück gerissener Isolierdecke unterhalb eines Cockpit-Fensters wird nochmals unter die Lupe gekommen, auch wenn NASA darin kein Risiko für den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre gesehen hatte.

Die Zukunft des Shuttle-Programms hängt nun von den Schlussfolgerungen ab, die die NASA-Wissenschaftler aus ihrer Analyse der "Discovery"-Mission ziehen. Den 22. September als möglichen Starttermin für die "Atlantis" gibt es trotz der Suspendierung der Flüge theoretisch natürlich weiter. Noch hoffen Wissenschafter und Astronauten auf diesen Termin - hinter ihm steht aber ein riesengroßes Fragezeichen. Sollte ein kompletter Umbau der Shuttles nötig sein, wird es in diesem Jahr kaum noch einen Flug geben.

Als Fazit der "Discovery"-Mission steht nach Ansicht unabhängiger Experten schon jetzt fest, dass der Ruf des Shuttle-Programms und der NASA nicht restauriert, sondern weiter beschädigt wurde. Die neuen Pannen seien für die Glaubwürdigkeit der NASA "verheerend", sagte der Raumfahrt-Historiker Alex Roland von der Duke University der "Washington Post". Gezeigt habe sich, dass mit dem Leben der Crew "eine Art russisches Roulette" gespielt werde. (apa)

9.8.2005 15:53