Donnerstag, 11. August 2005

"Es gibt kein Chaos an den Universitäten": Prekäre Studiensituation lässt Gehrer kalt

  • Kein Kommentar zum Ansturm deutscher Studenten
  • PLUS: Diese Fächer verschärfen die Aufnahmephase!

"Es gibt kein Chaos an den Universitäten, die bewältigen die Situation (nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs über die Uni-Zugangsregeln für EU-Bürger, Anm.) hervorragend." Diese Ansicht vertrat Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V) im Gespräch mit der APA. Auch wenn die Unis eine Vielzahl an unterschiedlichen Zugangsverfahren in jenen acht Fächern anwenden, in denen ein Ansturm deutscher Studenten befürchtet wird, betont Gehrer, dass die Politik "ganz klare Rahmenbedingungen" vorgegeben habe, "wir lassen es nicht völlig frei".

Von den 170 in Österreich angebotenen Studienfächern seien 162 völlig unverändert geblieben. Bei acht Studienrichtungen hätten die Unis auf zwei Jahre befristet die Möglichkeit erhalten, "entweder ein Aufnahmeverfahren mit einem gewissen Qualitätsanspruch oder ein Einstiegsemester einzuführen, bzw. eine Kombination beider Maßnahmen", sagte Gehrer.

Den Einwand, dass eine Aufnahme nach dem Prinzip "Wer zuerst kommt, mahlt zu erst", wie etwa an der Medizinischen Universität Wien wohl kaum einem solchen Qualitätsanspruch genügen kann, lässt die Ministerin unter Hinweis auf eine "einmalige Notmaßnahme" nicht gelten. Im kommenden Jahr gebe es auch dort auch ein Auswahlverfahren.

Die bisher gemeldeten Studentenzahlen, etwa von der Medizin-Uni Innsbruck, wo 78 Prozent der vorangemeldeten Studienanfänger aus Deutschland kommen, will Gehrer nicht kommentieren. Denn angeblich, so die Ministerin, hätten sich viele Studenten an drei Orten angemeldet. Außerdem müsse man die tatsächliche Inskription und damit realistische Zahlen abwarten.

Gehrer: "Nein zum alten Zentralismus"
Dass manche Universitäten plötzlich Maturanoten oder früheres fachliches Engagement in dem angestrebten Studienbereich als Kriterien für die Aufnahme heranziehen - und damit wohl viele vor den Kopf stoßen, die darauf vertrauten, dass die Maturanoten keine große Rolle mehr im Leben spielen, stört Gehrer nicht. Zulassungsbedingungen habe es schon bisher in vielen Studien gegeben, so die Ministerin etwa unter Hinweis auf die Erfordernis von Latein für ein Medizinstudium oder Buchhaltung für die Wirtschaftsuniversität.

Bedürfnis nach bildungspolitischen Eingriffen in die Aufnahmeverfahren hat Gehrer keines: "Ich werde dem allseitigen Wunsch der Opposition nach der Wiedereinführung des alten Zentralismus widerstehen. Das liegt in der Sachkompetenz der Universitäten."

Brief an Barroso
Auf EU-Ebene will die Ministerin aber dennoch nichts unversucht lassen, gegen das Urteil und seine Auswirkungen vorzugehen. Sie habe diese Woche gemeinsam mit dem Bundeskanzler einen Brief an Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso formuliert, in dem die derzeitige Situation geschildert, nochmals die österreichische Vorgangsweise begründet und geographische Verhältnisse erklärt würden. Genaue Zahlen könne man aber erst am Ende der Inskription liefern.

Außerdem werde die Kommission in dem Brief aufgefordert zu überlegen, "wie man innerhalb der EU verhindern könne, dass in nationale Bildungssysteme dermaßen eingegriffen wird und dass es nicht geschehen kann, dass ein Land 24.000 Studierwillige in Medizin nicht aufnimmt (Deutschland mit den auf Grund des Numerus Clausus abgewiesenen Studienwerber, Anm.) und diese dann nach Österreich mit bisher insgesamt 2.500 Anfängerplätzen in Medizin kommen".

Man müsse sich in der ganzen Diskussion aber davor hüten, in Ausländerfeindlichkeit zu verfallen. Denn Österreich sei traditionell ein mitteleuropäisches Studienland und schon bisher hätten hier 17 Prozent Nicht-Österreicher studiert, so Gehrer. (apa/red)

11.8.2005 10:03