Durch die Hölle und retour: In WOMAN kommt die Frau von Justizflüchtling Rettberg zu Wort
- Ihr Mann war ganze 16 Monate auf der Flucht
- Nun spricht sie erstmals über die schlimme Zeit

Starke Frau. Barbara Rettberg, 49, ging durch die Hölle, als ihr Mann, Ex-Libro-Boss André, 16 Monate auf der Flucht war. Mit WOMAN sprach sie erstmals über die schlimme Zeit.
Als Barbara Rettberg vor 17 Jahren versprach, "in guten wie in schlechten Zeiten" zu ihrem zukünftigen Ehemann André zu stehen, konnte die Tirolerin nicht ahnen, wie wörtlich sich dieses Ehegelöbnis erfüllen sollte. Ihr Gatte stieg als Libro-Boss zum gefeierten Starmanager auf. Als die Bücher- und Papier-Kette 2001 zusammenbrach und ihr Mann vom Liebkind zum Buhmann mutierte, war der Tiefpunkt aber noch nicht erreicht.
16 Monate Flucht.
Im Februar 2004 erging ein Haftbefehl gegen André Maarten Rettberg, heute 48. Er verschwand von der Bildfläche. Allein zurück blieb Ehefrau Barbara mit Sohn Raoul, 15 - auf sich selbst gestellt und ohne Geld. Erst vor wenigen Wochen, nach 16 Monaten Angst und Ungewissheit, traf sich das Ehepaar in Amsterdam wieder.
In Bad Fischau, wo die Rettbergs ein 90-Quadratmeter-Häuschen ihr Eigen nennen, hat sich die Spezialistin für "Bazi Suanming" (Lebensberatung nach den 8 Zeichen) eine Existenz als Lebensberaterin aufgebaut. In einer zum Büro umfunktionierten Garage empfing eine sehr selbstbewusste Frau WOMAN zum ersten Interview ihres Lebens.
"Krisen machen stark"
Woman: Sie wohnen und arbeiten recht abgeschieden. Fühlen Sie sich hier am Land wohl?
Barbara Rettberg: Anfangs, als mein Mann weg war, habe ich schwer überlegt, alles hinzuschmeißen und zurück nach Tirol zu gehen. Aber ich wollte es dann meinem Sohn doch nicht antun, auch noch seine gewohnte Umgebung zu verlieren. Mittlerweile schöpfe ich hier meine Kraft aus der Natur.
Woman: Ihr Mann hatte als Libro-Boss viel Geld. Warum wohnen Sie trotzdem in einem alten 90-Quadratmeter-Häuschen?
Rettberg: Als wir 1996 hier hergezogen sind, hatten wir geplant, das Haus einmal auszubauen. Aber dafür fehlte einfach die Zeit. Jetzt fehlt sogar das Geld für eine neue Heizung.
Woman: Ihr Gatte verfügte zum Höhepunkt des Libro-Aktienhypes am Papier über gut eine Milliarde Schilling. Jetzt haben Sie nichts mehr. War die Umstellung schwierig?
Rettberg: Vom großen Reichtum habe ich nie etwas mitbekommen. Ich habe immer mein Leben gelebt, ein Leben ohne Luxus. Dafür war die Phase auch zu kurz. Die Krise hat sehr rasch nach der Hochphase eingesetzt.
Woman: Wie war es für Sie, als im Februar 2004 der Haftbefehl gegen Ihren Mann erlassen worden ist?
Rettberg: Mir war klar, dass er jetzt weg muss. Ich wusste ja, dass er sich strafrechtlich nichts vorzuwerfen hat. Die Vorwürfe, er hätte Geld versteckt, waren oder sind absurd. Ebenso war klar, dass er nicht in Haft gehen durfte, weil man dann etwas finden muss, um ihn zu verurteilen.
Woman: Was war das Schlimmste für Sie?
Rettberg: Die Ungewissheit. Ich wusste nicht, wo André ist und wie es ihm geht. Jeden Tag konnte die Nachricht seiner Verhaftung kommen. Und es war nicht absehbar, wie lange es dauert. Ich stand mit meinem Sohn alleine und ohne Geld da.
Woman: Waren Sie Ihrem Mann damals böse, dass er Sie in diese Situation gebracht hat?
Rettberg: Böse war und bin ich ihm nicht. Ich weiß ja, dass er unschuldig ist. Es gab Zeiten, da hätte ich verzweifeln können. Ohne meine Familie und meine Freunde hätte ich diese Situation nicht durchstehen können. Die Konten waren gesperrt, wir wurden ständig von der Polizei überwacht. Ich wusste, dass ich am Telefon abgehört werde.
Woman: Woher wussten Sie das?
Rettberg: Die Ermittler haben Dinge gekannt, die sie nur aus sehr persönlichen Telefongesprächen wissen konnten. Sie wussten, was mir wichtig ist, wie es mir geht, und haben so versucht, Druck auszuüben.
Woman: Wie sind Sie mit diesem enormen Druck fertig geworden?
Rettberg: Eine Krise macht einen auch stark. Anfangs war es unglaublich schwierig, ich stand unter Schock. Stellen Sie sich die Situation einer Hausdurchsuchung vor: Da kommen fremde Menschen und wühlen in Ihren intimsten Bereichen. Aber ich bin ein sehr positiver Mensch. Meine Einstellung ist ein Grundvertrauen in das Leben. So habe ich mir in dieser Situation eine eigene Existenz aufgebaut.
Woman: Wie haben Sie das gemacht?
Rettberg: Mir war klar, ich muss jetzt mein eigenes Geld verdienen. Ich wollte meine Ausbildung in Feng Shui nützen und mit Menschen arbeiten. Ein weiterführender Kurs hat mich dann für Bazi Suanming, ein chinesisches Expertensystem, das weit über das chinesische Horoskop hinausgeht, begeistert. Meine Schwester hat mir ermöglicht, dass ich eine Ausbildung beim Sinologen Manfred Kubny mache, dem Übersetzer des Lehrbuches und Spezialisten für die traditionelle chinesische Astrologie, die auf derselben Grundlage wie die TCM basiert. Dieses Jahrtausende alte System ermöglicht es, Eigenschaften und Charakterzüge einer Person zu bestimmen. Es zeigt auf, dass ein persönliches Schicksal nicht erlitten wird, sondern selbst bestimmt ist. Es liegt immer an einem selbst, es zu lenken.
Woman: Hat es auch Ihnen geholfen?
Rettberg: Ja, sehr sogar. Ich habe viele Dinge über mich erkannt und auch, warum manche Situationen so sind. Vor allem aber konnte ich bestimmen, ob ich am richtigen Weg bin und welche Verhaltensweisen jetzt meiner Situation dienlich sind. Als Lebensberaterin kann ich jetzt damit anderen helfen. Es ist ein Beruf, der mich erfüllt.
Woman: Können Sie davon leben?
Rettberg: Es spricht sich herum, und immer mehr Leute finden zu mir. Es ist viel Arbeit, weil ich an die drei Tage zur Berechnung eines Horoskops sitze und ausführliche Gespräche führe. So etwas kann man nur sehr gewissenhaft angehen. Aber es macht mir Freude.
Woman: Hat sich Ihre Beziehung sehr verändert? Immerhin haben Sie sich 16 Monate nicht gesehen und beide viel durchgemacht.
Rettberg: Wie haben uns sicher verändert, aber ich hatte meinen Mann schon vorher wenig gesehen. Schon als wir geheiratet haben, wusste ich, dass Libro für ihn an erster Stelle im Leben stand. Aber als wir uns in Amsterdam nach der langen Zeit wieder getroffen haben, war die Vertrautheit sofort wieder da. Es ist wie bei einem geliebten Freund, den man lange nicht gesehen hat. Die schwierige Zeit hat uns sicher noch mehr zusammengeschweißt. Wir haben noch harte Zeiten vor uns, wenn der Prozess beginnt. Aber ich habe Vertrauen in das Leben. Es wird gut ausgehen, denn mein Mann hat nichts verbrochen.
Woman: Gibt es auch positive Seiten dieses Schicksalsschlages?
Rettberg: Ich habe mich selbst besser kennen gelernt, so wie auch mein Mann. Jetzt fangen wir wieder bei null an. Und: André hat in Amsterdam kochen gelernt. Wissen Sie, wie schön das ist, wenn er für mich kocht ...
(WOMAN, Nr. 15/2005)
