Hermann Maier über Dopingtests für Politiker und die Schmerzen des Erfolgs
- Privat: "Ich möchte einmal sieben Kinder haben"

Besuch beim letzten und einzigen Superstar der Ski-Großmacht Österreich. In Zermatt sprach er mit NEWS über Lust, Leid und die wahre Liebe.
Dem einen oder anderen Politiker dürfte die Lektüre dieser Zeilen schmerzhafte Reizungen der Nasenschleimhaut verursachen: Hermann Maier könnte sich gut vorstellen, unangemeldete Dopingproben für die Volksvertreter einzuführen so wie im Sport. Ein Vorschlag, der mitten im Sommer einigen Zündstoff birgt.
Ein Wintersportler noch dazu, wenn er wie Maier der größte der Welt ist hat immer Saison. Unmittelbar bevor der Doppelolympiasieger, dreifache Weltmeister und viermalige Gesamtweltcupsieger aus Flachau am 11. August zum Schneetraining nach Neuseeland verschwindet, traf ihn NEWS auf 1.600 Meter Höhe im Schweizer Luftkurort Zermatt. Als einziges österreichisches Medium waren wir zum schon traditionellen Sommergespräch vorgelassen.
Keine Lovestory.
Am Fuße des Matterhorns plauderte der Salzburger hochgestimmt über die Motivation, die ihn noch immer antreibt, artikulierte seine Sorge über den blutigen Terror, der die Welt heimsucht, und kam end-lich auf die zahlreichen Liebesgeschichten zu sprechen, die ihm fast im Wochenrhythmus nachgesagt werden. Zuletzt war es eine Hamburger Tennisschönheit namens Katja Blöcker, Jahrgang 1984, mit der er erblickt wurde.
Das war allerdings auf der Hochzeit ihres Betreuers Günter Bresnik, Österreichs Ex-Davis-Cup-Boss und vormals Becker-Trainer. Ein freundschaftliches Verhältnis, denn beide schwitzen höchstens gemeinsam auf dem Ergometer im Olympiastützpunkt Obertauern, wo man sich in Form bringt respektive hält. Allen, die endlich eine Sommerliebe nahe wähnen, lässt Maier ausrichten: Ich lass mir da etwas mehr Zeit, ich hab auch keinen Grund, in Panik zu verfallen.
Das Interview:
NEWS: Sommerzeit heißt für die meisten Menschen eigentlich Ferienzeit. Nicht unbedingt für Sie. Haben Sie sich heuer überhaupt eine Pause gegönnt?
Maier: So eine richtige Verschnaufpause hatte ich bis jetzt nicht. Ich hab nur drei Wochen Rast gemacht, bin aber nirgendwo hingefahren. Meistens habe ich das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden. Wenn ich wo war, dann hab ich dort auch gleich trainiert. Zum Beispiel war ich eine Woche mit dem Rad in der Toskana unterwegs.
NEWS: Warum tun Sie sich das eigentlich noch alles an? Sie haben alles erreicht. Was wollen Sie noch beweisen?
Maier: Das weiß ich selber nicht genau. Aber das Trainieren, die körperliche Arbeit, macht mir großen Spaß. Und ich möchte herausfinden, wie weit ich meinen Körper nach der schweren Verletzung noch bringen kann. Ich möchte annähernd dorthin kommen, wo ich schon einmal war. Es taugt mir einfach, dass ich beim Radfahren die Kraft und Kondition habe, um ohne Probleme längere Distanzen zurückzulegen. Das macht mir wirklich Spaß. Meine Ziele sind nicht mehr so extrem, aber ich will gut in Schuss bleiben, dann ist auch das Lebensgefühl automatisch besser. Du fühlst dich in deinem Körper einfach wohler. Im Sommer denke ich nicht mehr so verbissen an den Winter wie früher. Und mittlerweile dauert es bei mir auch schon ein bisserl länger, um diesen Wettkampfehrgeiz immer wieder aufs Neue zu entwickeln.
NEWS: Der Jahrhundertsturz bei der Olympiaabfahrt 1998 in Nagano hat Sie weltberühmt gemacht. Abfahrtsgold bei den Winterspielen 2006 in Turin. Wäre das ein versöhnlicher Abschluss Ihrer Karriere?
Maier: Allein die Olympischen Spiele sind etwas ganz Besonderes. Da denk ich gar nicht so im Speziellen an die Abfahrt. Von den Zielen, die ich noch hab, steht Olympia natürlich ganz oben. Da kann ein Gesamtweltcup nicht mehr mithalten.
NEWS: Immer nur hartes Training. Haben Sie nicht manchmal das dringende Gefühl, irgendetwas im Leben zu versäumen?
Maier: Überhaupt nicht. Ich glaube sogar, dass ich etwas gewinne. Der Vorteil des Einzelsportlers ist es, dass er sich sehr gut entwickeln kann und nur für sich selbst verantwortlich ist. Ich hab nie das Gefühl, dass ich etwas versäumen könnte, im Gegenteil, eigentlich hab ich sogar noch viel mehr Möglichkeiten. Der Sport ist sowieso die beste Schule für das Leben danach.
NEWS: Seit Ihrem schweren Motorradunfall im August 2001 können Sie nicht mehr schmerzfrei trainieren. Wie haben Sie gelernt, damit umzugehen?
Maier: Ich mach ja auch keinen Gesundheitssport. Der schaut anders aus. Im Skirennsport wird dein Körper so extrem gefordert, dass du ihn richtig präparieren musst. Da mein Fuß vom Unfall schwer beschädigt ist und die Patellasehne immer wieder schmerzt, muss ich Reize setzen, damit ich mit den Schmerzen umgehen kann. Damit sich mein Körper daran gewöhnt. Das ist genau das, wo mir dann auch immer wieder die Freude vergeht. Das schränkt mich ein, um befreit trainieren zu können. Wenn ich einmal den Fuß nicht spür, dann ist es der Rücken. Die Momente, in denen ich wirklich einmal befreit trainieren kann, sind sehr selten. Meine schmerzfreien Tage kann ich mittlerweile an einer Hand abzählen. Ich hab gelernt, damit umzugehen. Nur so kann ich auch besser werden, anders geht das nicht.
NEWS: Ihr Teamkollege Hans Knauss tappte in die Dopingfalle. Er selbst sieht sich als Bauernopfer, der vom Internationalen Skiverband (FIS) bestraft wurde. Was sagen Sie dazu?
Maier: Die gesamte Öffentlichkeit müsste endlich einmal zu diesem Thema richtig aufgeklärt werden. Was heißt eigentlich Doping? Und was versteht man darunter? Die Leute haben doch eine komplett falsche Vorstellung davon. Es ist doch nicht so wie bei den Bodybuildern, die sich mit wilden Dingen voll blasen und aufspritzen. Unter Doping fallen auch ganz normale Hausmittel, es sind teilweise homöopathische Arzneien auf der Dopingliste. Oder ein Thomapyrin, was sich ein jeder Mensch bei Kopfschmerzen bedenkenlos einwerfen kann.
NEWS: Klingt fast so, als ob Sie gegen Kontrollen sind.
Maier: Nein, das stimmt nicht. Ich bin gegen diese Kriminalisierung der Sportler. Was glauben Sie, was sich zum Beispiel in der Wirtschaft oder in der Politik abspielt. Da kommen die Leute gar nicht mehr zum Schlafen, müssen drei Tage lang durcharbeiten, alles Highlife. Dort müsste man einmal Kontrollen machen, dann wäre jedem bewusst, was da eigentlich wirklich abläuft. Ich bin strikt gegen Substanzen, die im Sport leistungsfördernd sind. Aber es sollten zum Beispiel für verletzte Sportler Mittel erlaubt sein, die auch sonst jeder Nichtsportler nehmen kann. Ich sehe überhaupt nicht ein, warum man da überhaupt nichts machen darf. Der Stellenwert des Sportlers muss bewahrt werden. Er darf nicht wie ein Verbrecher behandelt werden. Leider ist es sehr oft der Fall, dass bei uns regelrecht danach gesucht wird, damit man ja einen erwischt. Kontrollen gehören her, aber auf einem anderen Niveau als bei uns.
NEWS: Was bedeutet Ihnen das Berühmtsein, die Gewissheit, immer und überall erkannt und gleichzeitig hofiert zu werden?
Maier: Es ist ein großes Stück meiner persönlichen Freiheit verloren gegangen. Und allen Jungen, die reich und berühmt werden wollen, die immer davon träumen, kann ich nur sagen, so gut ist das dann auch wieder nicht. Reich werden vielleicht schon, aber nicht nur an Geld, sondern auch an Erfahrung. Aber die Anonymität ist eigentlich einer der größten Werte, die man sich bewahren kann. Wenn ich die Chance hätte, würde ich gerne noch einmal anonym sein ohne aber auf meine Erfolge verzichten zu müssen. So wie es bei mir ist, wird ja alles offen gelegt. Ich bin ein Opfer der Öffentlichkeit. Und viele machen Jagd auf Sachen, die für jeden anderen ganz normal sind. Alles nur, weil ich halt der Hermann Maier bin.
NEWS: Experten schätzen Ihren Marktwert mittlerweile auf über zehn Millionen Euro. Sie sollen ein Vermögen von rund 30 Millionen angehäuft haben. Glauben Sie, dass Sie das viele Geld wert sind?
Maier: Ich sag einmal, für das Risiko, das ich eingehe, und im Vergleich zu anderen Sportarten verdiene ich wieder relativ wenig Geld. Aber im Vergleich zu Arbeitern, die ein noch größeres Risiko eingehen, verdiene ich wieder viel. Aber ich musste einen hohen Preis zahlen, weil ich, wie schon vorher erwähnt, meine gesamte Anonymität verloren hab. Und diesen Verlust kannst du mit keinem Geld der Welt aufwiegen.
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