Zerreissprobe für Israel. 8.500 Siedler kämpfen dafür, in Gaza bleiben zu können.
- 8500 Siedler trotzen der eigenen Armee
- Die letzten Tage vor der zwangsweisen Räumung

Wir haben diesen Platz gesehen, und es war klar: das ist unser Paradies, schwärmt Hannah Piquard. Anfangs lebten mein Mann, unsere ersten Kinder und ich in Jerusalem, dann in Paris. Nach zwei Jahren wollten wir zurück nach Israel, haben lange gesucht, bis wir hierher gekommen sind und wussten: Das lieben wir. Es muss sich dabei in der Sprache der gebürtigen Französin um eine amour fou handeln, um eine obsessive, verrückte Liebe.
Denn das Paradies, in das sie sich verliebte, heißt Shirat Hayam und ist eine der 21 Siedlungen, die zum Block Gush Katif gehören. 16 Jahre ist es her, dass die Familie mit den mittlerweile neun Kindern hierher in den äußersten Süden Israels kam: in den Gazastreifen, zu ein paar Tausend Juden inmitten von über einer Million Palästinensern.
In einer Woche, am 15. August, sollen alle 8.500 Siedler den Gazastreifen verlassen. Der Großteil wehrt sich, will unbedingt an einem Ort bleiben, der von außen betrachtet einer Hölle gleicht. Seit dem Ausbruch der zweiten Intifada vor fünf Jahren leben sie de facto im Kriegszustand mit den Palästinensern. Fast täglich detonieren Sprengsätze in den Dörfern. 38 Menschen starben seither bei Anschlägen durch palästinensische Extremisten. Dazu kommt das widrige Klima. Gaza ist ein winziger Flecken Wüste mehr nicht.
Familie Piquard wohnt in einem Container direkt am Strand. Die feucht-schwüle Augusthitze von über 40 Grad ist kaum auszuhalten. Ein Teil der Siedlungen sieht aus wie putzige amerikanische Vororte, mit kleinen Villen samt Vorgärten, die sich possierlich nebeneinander aufreihen. Doch viele leben wie die Piquards in schäbigen Blechbüchsen oder in Wohnwagen.
Man könnte meinen, gerade sie hätten das große Los gezogen: Bis zu 200.000 Euro Entschädigung werden den Familien bezahlt, neue Häuser, in Wohngegenden, wo die alten Dorfgemeinschaften zusammenbleiben können, geschaffen. Doch weder Geld noch mehr Sicherheit können den Widerstand aufweichen. Sie müssen mich hier hinaustragen, sagt Hannah. Es ist unfassbar, was da passiert. Uns Siedlern schlägt blanker Rassismus entgegen: Ich kann das nur als Antisemitismus von Juden bezeichnen, empört sie sich.
Um die Unbeugsamkeit der Siedler zu verstehen, die den von der Mehrheit der Israelis befürworteten und im Februar beschlossenen Abzugsplan bis zur letzten Minute bekämpfen wollen, helfen Klischees nicht weiter. Ein Blick auf Hannah hilft eher, zu begreifen, dass es sich nicht um religiöse Fanatiker handelt, die um jeden Preis leiden wollen. Sie trägt ihren langen schwarzen Rock samt Bluse und Kopftuch so stilsicher, als wäre es Designerware. Ein grellrosa T-Shirt lugt unter dem Schwarz hervor, stimmig zum Lidschatten. Die Accessoires relativieren wie Fußnoten die Tracht einer ultraorthodoxen Jüdin. Denn Hannah ist vieles: eine Hippie, die ihre heile Strandkommunen-Welt retten will, vor allem aber Mutter, Großmutter, religiös, emanzipiert, fanatisch, auf eine trotzige Art gelassen und zornig.
So wie Vicky Sabah.
Ich fühle mich von allen betrogen, betont sie. Diese Siedlungen wurden von der Regierung in den frühen Siebzigern gegründet als Außenposten an der südlichen Grenze, so wie die Siedlungen im Norden am Golan. Mit Billigkrediten wurden die Übersiedlungen der Familien gefördert, die Bewohner wie Helden gefeiert. Das ist vorbei.
Lethargisch raucht Vicky Sabah am Küchentisch Kette. Sie hat weder Energie, um aufzuräumen, noch um zu packen. Sie ist 1967 als Neunzehnjährige von Wien nach Israel ausgewandert. Vor 15 Jahren kam sie nach Gaza und fand das, wonach ich gesucht habe: Pioniergeist, Gemeinschaftsgefühl etwas, das es wert ist, Opfer dafür zu bringen.
In den vergangenen Jahren hat die vierfache Mutter Krebs und einen Autounfall überlebt. Ich glaube, ich habe ein schwarzes Karma, sagt sie mit bitterer Ironie. Jetzt das noch! Ich finde es fies, wie uns die Regierung fallen lässt. Ich fühl mich wie der Jud der Juden. Gäbe es wenigstens einen Friedensvertrag mit den Palästinensern, und unsere Evakuierung wäre der Preis dafür, würde das ja Sinn machen. Aber so? Ich werde in Wahrheit deportiert.
Auch die stetigen Angriffe hätten sie nicht abschrecken können: Solange es eine Zukunft gab, war es auszuhalten. Der Mann meiner Freundin Eva ist bei einem Raketenattentat umgekommen. Die Gefahr war uns bewusst. Jetzt hat das alles keinen Sinn mehr. Keiner möchte das letzte Opfer von Gaza sein. Ariel Sharon habe sie gewählt, weil sie ihn für das kleinere Übel hielt. Doch gerade er, der Vater der Siedler, ordnete den Rückzug an. Eine Enttäuschung!
Der Rückzug aus Gaza war die Idee von Premierminister Sharon. Hinter der überraschenden Kehrtwende des Hardliners steckt mehr als die totale Kapitulation vor dem Frieden mit den Palästinensern, die Gaza als Teil ihres Staates sehen. Neunzig Milliarden Euro wurden in die winzige Region investiert. Dabei explodierten vor allem die Kosten für die
Sicherheit. Insider aus Armeekreisen behaupten, dass der Schutz einer einzigen Familie bis zu zwei Mann in Anspruch nehme. Das idyllische Paradies am Sandstrand ist ein Hochsicherheitstrakt, in Wahrheit ein Ghetto.
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