Stiller Wahn - Das Psychogramm
einer Kinder-Mörderin
- NEWS recherchierte die Hintergründe des Dramas.

Nach außen hin schien das Familienglück perfekt. Christine G. galt als vorbildliche Hausfrau und liebevolle Mutter. Dann erschlug sie ihre beiden Söhne mit einer Hacke. NEWS recherchierte die Hintergründe des Dramas.
Sie weint nicht, sie zittert nicht, ihr Blick ist ruhig. Christine G. wirkt einfach völlig gelassen. Die Hände in den Schoß gelegt, sitzt die 45-Jährige auf einem Holzstuhl im Verhörzimmer der steirischen Kripo und berichtet, scheinbar ohne Gefühlsregung, über den Mord an ihren beiden Kindern. Ich habe sie erlöst. Ja, ich habe meine Buben getötet, sagt die Frau mit leiser, aber fester Stimme. Und sie bereut diese Tat nicht: Weil ich die zwei damit endlich erlöst habe. Aus einer Welt, in der die Mutter eine Gefangene war, ihrer selbst, und in der sie immer nur unglücklich war, viele Jahre schon.
Das schmucke Einfamilienhaus am Stadtrand von Graz; die Söhne, 15 und 18 Jahre alt, die Gymnasien besuchten und gute Schüler waren; der Ehemann, der mit so viel Fleiß seinem Beruf als selbständiger Uhrmachermeister nachging; die Urlaube, im Sommer am Meer, im Winter in Skiorten nach außen hin schien die Idylle perfekt.
Eine perfekte Familie.
Tatsächlich wusste sogar im nahen Umfeld der Familie kaum jemand von Christine G.s Drama. Von ihren schweren psychischen Problemen; von den vielen Vorwürfen, die sie ständig ihrem Gatten und den Söhnen machte, weil sie sich von ihnen nicht genügend geachtet und beachtet fühlte; von ihren immensen Versagensängsten; von ihren Wahnvorstellungen, die immer massiver wurden. Es gibt nichts Gutes, sondern nur Böses, sinniert die Frau nun in den Vernehmungen. Und eben, am Mittwoch vergangener Woche, am 27. Juli 2005, irgendwann am Nachmittag, als sie allein am Küchentisch saß und ein Glas Limonade trank, da sei ihr plötzlich klar geworden: Morgen muss ich es tun. Morgen muss ich Mathias und Andreas umbringen.
Warum? Aus welchem Grund?
Weil ihnen die Zukunft doch nur Qualen bereitet hätte, genau solche Qualen, wie ich sie erleiden musste.
Welche Qualen?
Die Qualen, die immer da sind, die nie verschwinden und die ich meinen Buben ersparen wollte. Endgültig. Und deswegen blieb mir keine andere Wahl, als meine Kinder umzubringen.
Es war das Beste
Die Kinder zu vergiften, sie zu ersticken oder zu erwürgen, nein, solche Tötungsarten habe ich sofort ausgeschlossen, denn so hätten die Burschen vielleicht überlebt sich übergeben, sich gewehrt. Und sie durften doch keine Chance haben: Weil ich ja in mir ganz fest spürte, was das Beste für sie ist.
Christine G. weiter: Ich ging zuerst in den Keller, später in unser Gerätehäuschen im Garten. Auf der Suche nach einem Mordwerkzeug: Im Schuppen fand ich dann unser Holzbeil. Der Stiel: 80 Zentimeter lang. Die Hacke darauf: 4 Kilo schwer. Die Klinge: scharf geschliffen. Nun wusste ich, was ich zu tun habe.
Das letzte Abendmahl.
Der weitere Tag verlief wie gewohnt. Am späten Nachmittag zog sich die Frau in das Schlafzimmer im ersten Stock zurück, döste ein. Gegen 18.30 Uhr kam ihr Mann nachhause, bereitete gemeinsam mit seiner Schwiegermutter, die ebenfalls in dem Haus wohnt, das Abendessen. Gegen 20 Uhr setzte sich die Familie zu Tisch.
Mathias und Andreas erzählten von einem Fußballspiel, das sie im Fernsehen gesehen, und von einem Computer-Game,
das sie sich gekauft hatten; ihr Vater über die Vorkommnisse des Tages in seinem Geschäft; die Großmutter klagte über Schmerzen im Bein; nur Christine G. war still. Wie meistens in den vergangenen Jahren schien sie völlig in ihre Gedanken versunken zu sein. Gleich nach dem Essen zog sie sich in ihr Bett zurück. Und schlief.
Countdown zur Wahnsinnstat.
Bis zum nächsten Tag, als um 7 Uhr der Wecker läutete. Die Frau stand auf, wechselte das Nachthemd gegen T-Shirt und Leggins, ging in die Küche, um für ihren Mann Kaffee zu kochen. Und nichts, erinnert sich Michael G., war anders an diesem Morgen. Christine ist einfach wie immer gewesen. Antriebslos, schlecht gelaunt.
Und wie an jedem Werktag fuhr ich gegen 8.15 Uhr los.
Zu seinem Betrieb in der Grazer Innenstadt.
Hermine W., Christine G.s 84-jährige Mutter, hatte schon um 6 Uhr früh das Haus verlassen wegen eines Arztbesuchs.
Die 45-Jährige war jetzt also allein mit den beiden Burschen, die noch fest schliefen. Damit hatte ich fest gerechnet denn in den Ferien wachten die beiden nie vor Mittag auf.
Trotzdem, erinnert sich die Frau, wollte ich keine Zeit verlieren. Sie öffnete die Terrassentüre, ging mit schnellen Schritten durch das Gras bis zu dem Geräteschuppen. Holte das Holzbeil heraus, ging damit ebenso rasch zu ihrem Haus zurück, direkt zum Zimmer ihres 15-jährigen Sohnes im Erdgeschoß. Ich öffnete leise die Türe. Ich sah, dass Andreas auf dem Bauch liegt, die Bettdecke bis zu den Hüften herabgezogen. Und dann schlug die Frau mit der Hacke zu. Gegen seinen Kopf. Einmal, zweimal, dreimal, viermal, ein fünftes Mal. Er hat nicht geschrien, gar nichts.
Sie starben schnell.
Mit dem blutigen Beil in der Hand marschierte Christine G. die Stufen hinauf, in den ersten Stock, zu dem Raum am Ende des Ganges, zu Mathias, 18. Auch er hat fest geschlafen. Auch er lag am Bauch. Und die Frau holte wieder aus, mehrmals, doch irgendwie hatte ich danach das Gefühl, er lebt noch. Die Mutter griff nach ihrem Sohn, drehte ihn in Rückenlage, sah in sein Gesicht: Aber da ist nichts mehr gewesen wie vorher.
Christine G.s Werk war damit vollbracht.
Sich nach ihren Kindern selbst zu richten, das sei, wie sie betont, niemals ihr Plan gewesen. Wozu auch? Ich hatte schon zu lange gelitten, als dass es bei mir noch etwas gutzumachen gegeben hätte.
Ich wollte untertauchen.
Die Frau wollte also weiterleben, irgendwie, irgendwo, in einer Großstadt, wo mich niemand kennt und das Untertauchen einfach ist. Und sie wusste: Die Zeit drängte, bald würde ihre Mutter heimkommen
Dennoch säuberte sie im Badezimmer das Mordinstrument, trug es in den Schuppen zurück, wusch danach ihr blutverschmiertes Gewand aus, hängte es zum Trocknen im Garten auf die Wäscheleine. Und dann hab ich mich geduscht, mein Haar gewaschen und mir frische Kleider angezogen. Eine schwarze Bluse, schwarze Hosen, schwarze Schuhe: Ich fand es angebracht, Trauer zu tragen.
Schließlich packte Christine G. noch ein paar Hundert Euro, ihre Bankomatkarte und ihr Handy in ihre schwarze Handtasche und verließ das Haus.
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