Mittwoch, 3. August 2005

"Houston, wir haben ein Problem" - Das Drama der US Raumfähre "Discovery"

  • Hektik im All. Die Crew der "Discovery" muss ihr beschädigtes Shuttle im All reparieren.

Zweieinhalb Jahre nach der „Columbia“- Katastrophe ist wieder ein US-Spaceshuttle beschädigt im All gestrandet. Selbst wenn die Crew die Rückkehr zur Erde schafft, ändert diese Panne die Zukunft der Raumfahrt. NEWS über die neuen Weltraumpläne der Supermächte.

Eigentlich hätte es ein Triumphflug für die amerikanische Weltraumbehörde NASA werden sollen. Zweieinhalb Jahre nach der schrecklichen Katastrophe der Raumfähre „Columbia“ startete am 27. Juli deren Schwesterschiff „Discovery“ zur Raumstation ISS. Ihre Mission: Belieferung der Allstation mit 15 Tonnen dringend erwarteter Verpflegung und Ausrüstung.

Doch schon beim Start passierte eine ähnliche Tragödie wie damals bei der „Columbia“. Zwei Minuten nach dem Zünden der Triebwerke hatte sich vom Tank ein 22 x 75 Zentimeter großes Stück der Außenhaut gelöst – nicht viel kleiner als jenes, das vor zwei Jahren die „Columbia“ getroffen hatte. Weitere 20 Sekunden später löste sich erneut ein Stück des Raumschiffes ab. Dieses kleinere Teil, so vermuten die Experten, hat das Shuttle am Flügel getroffen. Außerdem trat im Bugbereich zwischen den Hitzekacheln Isolierschaum hervor. Und sofort wurden nicht nur im NASA-Kontrollzentrum Houston Erinnerungen an den 1. Februar 2003 wach. Es war der bislang schwärzeste Tag in der bemannten Raumfahrt. Wegen eines ähnlichen Defekts im Hitzeschild verglühte die US-Raumfähre „Columbia“ bei ihrem Eintritt in die Erdatmosphäre – alle sieben Besatzungsmitglieder fanden den Tod. Der Grund: Kurz nach
dem Start hatten herabstürzende Trümmer Kacheln des Hitzeschildes ausgeschlagen. Beim Eintritt in die Erdatmosphäre bekam das Shuttle aufgrund des ungleich verteilten Luftwiderstandes einen Linksdrall, und bei der darauf folgenden Gegensteuerung des Bordcomputers riss es die „Columbia“ bei 18facher Schallgeschwindigkeit auseinander.
Jetzt, zwei Jahre später, könnte sich der Alptraum der NASA-Experten wiederholen. Das Eingeständnis von Bill Parson, Programmdirektor der NASA, fiel daher denkbar knapp aus: „Wir haben angenommen, es wäre sicher zu fliegen – offensichtlich lagen wir da falsch.“

Unsicheres Fluggerät.
Ein Zwischenfall, der an sich gar nicht hätte passieren dürfen. Denn nach dem „Columbia“-Unglück hatte die NASA ihr Shuttleprogramm zwei Jahre lang auf Eis gelegt und 1,1 Millionen Dollar in technische Verbesserungen und einen neu konstruierten Außentank investiert. Denn genau von jenem Tank hatten sich schon bei der „Columbia“ Teile abgelöst – mit verheerenden Folgen.

Klaus Pseiner, Präsident der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft: „Wenn man bedenkt, dass zwei Jahre nicht genügt haben, um diesen Fehler zu korrigieren, wird es schwer werden, dieses Problem jetzt so rasch im All zu lösen.“
Eine Sicht, die die NASA-Experten naturgemäß nicht teilen. Klaus Heiss, österreichischer Weltraumexperte und NASA-Mitglied: „Die Discovery ist in einem ausgezeichneten Zustand. Jeder kleine Kratzer wird mittlerweile zu einem Problem hochgeredet. Das Raumschiff könnte meiner Meinung nach sogar ohne Reparaturarbeiten im Ist-Zustand landen.“

Wie bei „Apollo 13“.
Den sieben Astronauten an Bord der „Discovery“ nutzt dieser Expertenstreit herzlich wenig. Die geplante Rückkehr der Discovery und ihrer sieben Besatzungsmitglieder wurde jedenfalls bereits von 7. auf den 8. August verschoben. Doch derzeit ist nicht einmal dieser Termin zur Rückkehr des Shuttles zur Erde fix. Nach einer Auswertung des Bildmaterials haben Astronaut Steve Robinson und sein japanischer Kollege Soichi Noguchi am Mittwoch mit der Reparatur begonnen, um das herausstehende Füllmaterial zu entfernen. Denn dieses könnte, so die Befürchtungen der Ingenieure, den Schutzschild der Raumfähre beeinträchtigen und beim Eintritt in die Erdatmosphäre zu einer tödlichen Erhitzung des Shuttles führen. Der Ausgang der Arbeiten, der zu Redaktionsschluss nicht bekannt war, wird über den Rückflugtermin der Crew von Kommandantin Eileen Collins entscheiden.

Misslingt die Reparatur, startet die NASA einen Notfallplan: Die Raumfähre „Atlantis“ würde dann, trotz bereits verhängten Flugverbots für alle US-Shuttles, zur ISS aufbrechen, um die gestrandete Crew abzuholen. Dies müsste jedoch so bald wie möglich geschehen, da der Sauerstoff für die Besatzung maximal einen Monat reicht. Auch eine Rückkehr mit einer russischen Sojus-Kapsel wäre unmöglich. Denn in diese passen nur drei Astronauten – für die eigens angepasste Sitzschalen benötigt werden, um die harte Landung auf der Erde in Kasachstan unbeschadet zu überstehen.
Austro-Astronaut Franz Viehböck ist wohl einer der wenigen Menschen, die die aktuelle Stimmung auf der „Discovery“ einschätzen können: „Natürlich gibt es eine nervliche Belastung, da man nicht genau weiß, wie es weitergehen wird. Es kann passieren, dass der Astronaut bei der Reparatur Kacheln so stark beschädigt, dass sie ihre Funktion nicht mehr erfüllen.“

Rückschlag für die bemannte Raumfahrt.
Wie auch immer die Besatzung zur Erde zurückkehren wird, eines steht schon jetzt fest: Weitere bemannte US-Raumflüge sind vorerst auf Eis gelegt. Denn die Technologie der Weltall-Oldtimer, die aus zweieinhalb Millionen Einzelteilen bestehen, stammt aus den späten 70er Jahren – und weist immer mehr Schwachstellen auf. So hat eine Arbeitsgruppe bereits nach der „Columbia“-Katastrophe festgestellt, dass laufend Teile abzubrechen drohen und es nach wie vor keinen Weg zur Reparatur während eines Fluges gibt, sobald das Shuttle einmal beschädigt ist. Tatsächlich hat die NASA die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe in den vergangenen Jahren auf 1:100 korrigiert – vor dem Absturz der „Challenger“ im Jänner 1986 lag dieses Verhältnis bei 1:100.000.

Die Probleme der USA haben nun auch den Wettstreit um die Fahrten ins All neu entfacht. Denn bereits in den letzten Jahren hat sich eine Alternative zu menschlichen Allerforschern etabliert: Roboter. Die Vorteile liegen für ASA-Chef Pseiner auf der Hand: „Das System muss nicht zu 100 Prozent sicher sein und kann deshalb günstiger gebaut werden. Immerhin sind automatische Missionen in den letzten Jahren erfolgreich im ganzen Sonnensystem und sogar außerhalb durchgeführt worden.“
Die Europäische Weltraumagentur ESA praktiziert seit Jahren erfolgreich Raumfahrt mit Robotern, wie die Mission „Mars Express“ belegt: Die Sonde erreichte den Roten Planeten im Dezember 2003. Hauptaufgabe der Mission: die Kartografierung des Mars, eine Analyse seiner Atmosphäre sowie des Materials, das sich in der Tiefe des Planeten
befindet. Nachdem der Lander „Beagle 2“ Anfang 2004 für verloren erklärt werden musste, konnte die ESA mittlerweile erste Erfolge vermelden: So wurden Spuren von Methan in der Mars-Atmosphäre ebenso nachgewiesen wie Wasser-Eis auf der südlichen Polkappe. Sollte tatsächlich Wasser auf dem Mars vorhanden sein, wäre dies eine Voraussetzung für zukünftige bemannte Mars-Missionen – denn die Raumfahrer könnten Wasser und daraus produzierbaren Sauer- und Wasserstoff für ihre Rückkehr zur Erde nutzen.

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3.8.2005 11:22