Mittwoch, 3. August 2005

Erinnerungen an Abwurf: "Sah ein grelles blau-weißes Licht. Dann war ich bewusstlos"

  • Um 8.15 Uhr radieren USA die Stadt Hiroshima aus
  • Nur drei Tage später fiel 2. Atombombe auf Nagasaki

Es ist ein schwüler Sommertag. An jenem Morgen des 6. August 1945 steht die 13-jährige Miyoko Tando am Fenster und flickt den Gurt ihrer Trinkflasche. Im Garten lädt ihr Vater einen Schrank auf einen Karren. Sie wollen der Mutter folgen, die aus Sorge vor Bombenangriffen Hiroshima verlassen hat und mit dem Jüngsten zu Verwandten aufs Land zog. Plötzlich blitzt es vor Miyokos Augen auf. Es ist 8.15 Uhr. "Ich sah ein grelles blau-weißes Licht. Dann wurde ich bewusstlos", erinnert sich die Japanerin 60 Jahre später.

Nach mehrstündigem Flug von der kleinen Insel Tinian rund 2500 Kilometer südöstlich Japans hatte der US-Bomber "Enola Gay" die Atombombe mit dem harmlos klingenden Spitznamen "Little Boy" 580 Meter über dem Shima-Krankenhaus im Zentrum Hiroshimas abgeworfen. Wo gerade noch geschäftiges Treiben herrschte, sorgt der Blitz der ersten im Krieg eingesetzten Atombombe für ein Inferno: In Sekunden verwandelt eine gewaltige Druck- sowie Hitzewelle von mindestens 6000 Grad die Stadt in eine lodernde Hölle.

70.000 sofort tot, bis Jahresende 140.000 Menschen gestorben
Alles, was aufrecht stand, wird zerdrückt. Von den 350.000 Bewohnern sterben auf einen Schlag schätzungsweise mehr als 70.000 Menschen. Bis Ende Dezember 1945 erhöhte sich die Zahl der Toten auf 140.000. Verstört und mit Brandblasen übersät irren die Überlebenden durch die verwüstete Stadt, Haut hängt in Fetzen an ihren Leibern. Als Miyoko Tando erwacht, zieht ihr Vater sie mit letzter Kraft aus den Trümmern ihres Hauses. Dann verdunkelt sich der Himmel. Schwarze Regentropfen, an denen radioaktive Asche klebt, fallen herab und verseuchen die ahnungslosen Menschen. "Als ich aus einer geplatzten Leitung Wasser trank, spuckte ich gelbe Flüssigkeit", erzählt Tando.

Insgesamt 70.000 Tote in Nagasaki
Drei Tage nach der Explosion musste sie hilflos mit ansehen, wie zuerst ihre kleine Schwester und kurz darauf ihr Vater sterben. Am selben Tag zündeten die Amerikaner über Nagasaki eine zweite Atombombe. Bis Dezember 1945 starben dort etwa 70.000 Menschen. Die genaue Opferzahl wird sich nie ermitteln lassen, auch weil viele Menschen erst an den Spätfolgen der Strahlung starben.

Lange Zeit konnte Tando über das erlebte Grauen nicht sprechen. Die dürre kleine Frau wirkt gebrechlich, seit einiger Zeit leidet sie unter einer Lebererkrankung. Dennoch wird sie nicht müde, Schülern und anderen Interessierten von ihren entsetzlichen Erlebnissen zu berichten. "Damit die Bombe nicht vergessen wird", sagt sie mit schwacher Stimme und streicht über den vernarbten Arm.

Japan überlegt Änderung der pazifistischen Verfassung
Doch die Bedeutung Hiroshimas lässt nach. Stand die große Mehrheit des Volkes jahrzehntelang hinter der pazifistischen Verfassung, ändert sich dies, auch vor dem Hintergrund der Bedrohung durch Nordkoreas Raketen. In diesem Zuge wird erstmals über eine Änderung der pazifistischen Verfassung debattiert, die nicht einmal reguläre Streitkräfte zulässt.

Diskussion um Rechtfertigung der Bombenabwürfe
Dass Hiroshima und Nagasaki eine "gerechte Strafe" für Japans Aggressionskrieg waren, akzeptieren nur wenige. Die Geschichte der Atombomben ist in Japan unvermeidlich durch die Opferperspektive bestimmt. Japan habe zwar Unrecht begangen. Trotzdem seien die Atombomben Verbrechen an unschuldigen Zivilisten gewesen. Tatsächlich waren sie auch nach Auffassung mancher Historiker militärisch nicht notwendig gewesen.

Zwar verkündete der japanische Kaiser Hirohito kurz darauf am 15. August im Radio Japans Kapitulation. Das Land habe jedoch schon zuvor am Boden gelegen und hätte sich so oder so ergeben. Vielmehr sei es den Amerikanern darum gegangen, gegenüber der Sowjetunion Stärke zu zeigen. Nach Kriegsende wurde Hiroshima in Japan unter amerikanischer Zensur totgeschwiegen. Eine Diskussion über die neue Waffe war unerwünscht. Die Kenntnisse im Volk über die Folgen der Bombe beruhten meist auf Gerüchten. Die Strahlenschäden wurden lange für ansteckend gehalten.

Opfer wurden diskrimiert
Viele Menschen mieden die Atombombenopfer, die körperliche Not der "Hibakusha" wurde zum sozialen Makel. Nachdem ein Onkel sie eine Woche nach der Explosion gefunden hatte, wurde auch Tando in den folgenden Jahren Opfer von Diskriminierungen. Verzweifelt suchte sie Halt in der Religion. Nur dank eines Verwandten fand sie Arbeit in einem Kiosk, musste aber später wegen ihrer Gesundheit aufgeben. Heute hat sie nur noch einen Wunsch: "Eine Welt ohne Atomwaffen."
(apa)

3.8.2005 09:24