Montag, 25. Juli 2005

Von "shoot to stop" zu "shoot to kill": Polizei nach Anschlägen mit neuer Taktik

  • Von 31.000 Beamten haben nur 3.000 Waffen-Lizenz
  • Bürgerrechtler äußern bereits Bedenken über Wandel

Bewaffnete Polizisten erschießen in der U-Bahn einen Verdächtigen, der sich dann als unschuldig erweist. Vor dem Parlament stehen Beamte mit Maschinengewehren - all dies läuft dem traditionellen Bild der britischen Polizei völlig zuwider. In der Öffentlichkeit überwiegt immer noch die Vorstellung vom gutmütigen Bobby, den man stets nach dem Weg fragen kann und der für den Notfall lediglich einen Gummiknüppel mit sich führt. Doch angesichts der jüngsten Terroranschläge scheint dieses Ideal der Vergangenheit anzugehören.

Von den 31.000 Beamten der Londoner Polizei haben lediglich 3.000 die Lizenz, eine Waffe zu tragen. Dies zeigt, dass bewaffnete Polizisten in Großbritannien immer noch die Ausnahme sind. Aber für diese Beamten scheinen im Zuge der Terrorermittlungen neue Regeln zu gelten. Sollten sie bislang nur schießen, um einen Verdächtigen aufzuhalten - "shoot to stop" -, heißt die Devise jetzt offenbar "shoot to kill" - schießen, um zu töten.

Der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, der sonst gerne das linke Gewissen der Labour-Partei gibt, hat die Polizei nach der Kontroverse über die tödlichen Schüsse in der U-Bahn-Station von Stockwell verteidigt: "Wenn man es mit einem potenziellen Selbstmordattentäter zu tun hat, dann könnte er immer noch einen Sprengsatz zünden, solange er bei Bewusstsein ist. In diesen Fällen muss deshalb 'shoot to kill' zulässig sein."

"Dies ist eine eindeutige Kehrtwende in der britischen Politik", antwortet darauf der Terrorismusexperte Michael Clarke vom King's College in London. Nach seiner Einschätzung muss sich die Polizei bei ihrem Einsatz in Stockwell wohl sehr sicher gewesen sein, einen Selbstmordattentäter vor sich zu haben. Dass sich dies als Irrtum herausstellte, hat die Bedenken von Bürgerrechtlern natürlich noch verstärkt.

Offiziell spricht die Polizei nicht von einer neuen Einsatztaktik, doch aus Sicherheitskreisen gab es genügend Hinweise, die genau darauf schließen lassen. "Die Richtlinien für eine angemessene Reaktion auf eine terroristische Bedrohung sind revidiert worden", meint auch der Sicherheitsexperte Charles Shoebridge, ein ehemaliger Beamter der Terrorabwehr. "Früher galten Schüsse auf den Leib eines Verdächtigen als beste Garantie, ihn außer Gefecht zu setzen. Doch damit könnte bei Terroristen ein Sprengsatz ausgelöst werden. Also bleibt als realistische Alternative nur ein Schuss in den Kopf."

Einem Beamten von Scotland Yard zufolge gilt die Anweisung "shoot to stop" weiter. Dabei räumt er ein, dass ja auch Schüsse in den Brustkorb tödlich sein könnten. Dieses Risiko sei also schon immer in Kauf genommen worden, wenn es darum gegangen sei, das Leben anderer Menschen zu schützen. Ob seit den Londoner Terroranschlägen neue Richtlinien gelten, wollte der Beamte nicht sagen.

Für den Tod des Brasilianers hat sich die Londoner Polizei formell entschuldigt. Polizeichef Ian Blair sprach von einem äußert bedauerlichen Zwischenfall, wies aber auch darauf hin, dass der Mann Aufforderungen der Beamten zum Stehenbleiben missachtet habe. Vor diesem Hintergrund muss sich die britische Öffentlichkeit offensichtlich darauf einstellen, dass bei Polizei-Einsätzen künftig härtere Maßstäbe gelten als bisher.
(apa)

25.7.2005 14:27