Mittwoch, 20. Juli 2005

Die Salzburger Festspiele im Jahr des Anna Netrebko-Spektakels. Stars und Top-Events

  • Anna Netrebko kommt mit „La Traviata“ wieder. Die Opernwelt debattiert: Kunstereignis oder PR-Zirkus?

Anna Netrebko, vor drei Jahren in Salzburg entdeckt, kommt mit „La Traviata“ wieder. Die Opernwelt debattiert: Kunstereignis oder PR-Zirkus?
Mozart bis Moderne: Muti dirigiert „Zauberflöte“ in spannender junger Besetzung. Schrekers „Die Gezeichneten“ als heimlicher Höhepunkt.

An dieser Stelle ist es angezeigt, innezuhalten und Rudolph Moshammers zu gedenken. Über die Jahrzehnte hat er bei den Salzburger Festspielen ein Vermögen abgelegt, obwohl sich ihm oft die Tolle sträubte. Und jetzt versäumt er den „Netrebko-Event“, der doch seiner gewesen wäre wie nichts anderes in der 85-jährigen Festspielgeschichte. Der „Netrebko-Event“ feiert am 7. August Premiere im Großen Festspielhaus, heißt „La Traviata“ und ist eigentlich nicht von Anna Netrebko, 33, sondern von Giuseppe Verdi, 191. Aber seit unter dem Kürzel erste Bestellungen aus Deutschland eingingen, macht sich die Fachwelt mit dem Gedanken vertraut, dass die Salzburger Festspiele 2005 unter neuen Parametern stehen: „La Traviata“ ist sechsfach überbucht, live im Fernsehen, trotz Tonträgerkrise zur Weiterverwertung über CD und DVD an Bestbieter veräußert und auf dem Schwarzmarkt zu 1.000 Euro die Karte gehandelt.

2002, im ersten Jahr der erfolgreichen Salzburger Intendanz Peter Ruzickas, sang die international bereits maßvoll akklamierte Südrussin Anna Netrebko die Donna Anna in „Don Giovanni“. Das Ergebnis war eine Hysterie, die nur durch die unstrittige Qualität der Gefeierten behelfsmäßig abgefedert wird. Am Sonntag kamen 17.000 Besucher zum ausverkauften Open-Air auf den Münchner Königsplatz. Die Netrebko wirbt in der Badewanne für die drahtlose Telefonie, bringt Arienplatten heraus, für deren Begleitung sich nicht einmal Abbado und die Wiener Philharmoniker zu elegant sind, und verkauft damit dem Vernehmen nach mehr als 100.000 Stück (was die Hälfte eines Neujahrskonzertes wäre). Die zugehörige, von einem Pop-Regisseur gefertigte DVD wird je nach Perspektive als Gipfel oder Tiefpunkt der klassischen Bildträgerkunst qualifiziert. Dass die Festspiele, die mit dem Werk erst 1995 ein Debakel erlitten, „La Traviata“ einzig für die Netrebko ins Programm rücken, bestreiten nicht einmal die Festspiele selbst.

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20.7.2005 17:05