Bestrafung für Todesschützen gefordert: Familie kann Polizisten nicht verzeihen
- Der Leichnam von Menezes soll überführt werden
- Familie klagt an: Cousin wurde kaltblütig ermordet
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Die Eltern des irrtümlich von der Londoner Polizei erschossenen Brasilianers Jean Charles de Menezes haben die sofortige Überführung des Leichnams ihres Sohnes gefordert. Sein 66-jähriger Vater Matosinho Otoni da Silva sagte einem lokalen brasilianischen Fernsehsender, er könne den verantwortlichen Polizisten nicht verzeihen. Sie sollten dafür bestraft werden, "dass sie einem Unschuldigen das Leben genommen haben". Der Leichnam seines Sohnes solle so schnell wie möglich nach Brasilien übergeführt werden. Außerdem verlange er Erklärungen von den britischen Behörden.
Die Familie des erschossenen Brasilianers hat Großbritannien außerdem mit einem Rechtsstreit gedroht. Es gelte zu verhindern, dass die Polizei weiterhin unschuldige Menschen ungestraft erschießen könne, erklärte ein Cousin von Menezes am Montag im BBC Fernsehen.
Die Kommission zur Untersuchung der Todesschüsse versprach unterdessen, die Entschädigungsforderungen der Angehörigen verständnisvoll und schnell zu behandeln.
Zweifel an Darstellung der Polizei
Freunde und Angehörige des getöteten Brasilianers haben Zweifel an der Darstellung von Scotland Yard geäußert und den Behörden Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. "Mein Cousin ist kaltblütig ermordet worden", sagte Alex Alves Pereira, der mit dem 27-jährigen Jean Charles de Menezes in der britischen Hauptstadt gelebt hatte, der brasilianischen Zeitung "O Estado de San Paulo" vom Sonntag.
Die Ermittler hätten "eine unverantwortliche Haltung gegenüber einem unschuldigen Menschen" an den Tag gelegt. "Er war ein Arbeiter und hatte mit Terrorismus nichts zu tun", erklärte Pereira.
Polizisten schossen acht Mal auf Brasilianer
Auf den irrtümlich getöteten Brasilianer wurden nach Angaben der Ermittler insgesamt acht Schüsse abgegeben. Das teilte der Unabhängige Ausschuss für Beschwerden bei der Polizei (IPCC) am Montag mit, der den tragischen Vorfall untersucht. Wo genau der 27-jährige Mann getroffen wurde, den verdeckte Ermittler für einen Selbstmordattentäter gehalten hatten, wollte eine IPCC-Sprecherin nicht sagen.
Laut der britischen Nachrichtenagentur Press Association wurde Jean Charles de Menezes von sieben Kugeln im Kopf getroffen und von einer Kugel in der Schulter. Bisher hatten Augenzeugen von fünf Kopfschüssen gesprochen.
War Menezes nur zu spät dran?
Ein Kollege von Menezes, Gesio de Avila, sagte der brasilianischen Zeitung, der junge Mann habe ihn am Freitagmorgen mit dem Mobiltelefon angerufen, als er den U-Bahnhof Stockwell betreten habe, und ihm gesagt, dass er sich ein wenig verspäten werde. "Wenn er gelaufen ist, dann einfach deshalb, weil er spät dran war."
Freunde und Nachbarn von Menezes' Familie, die in Gonzaga im Südosten von Brasilien lebt, zeigten sich erschüttert. "Seine Mutter ist deprimiert, verzweifelt, sie kann gar nicht sprechen", sagte eine Nachbarin der Zeitung "Folha de Sao Paulo". Eine Cousine des Getöteten, Alexandra Alves Pereira, sagte dem Blatt: "Wir wissen immer noch nicht, was wir tun sollen. Ich glaube, dass man Anzeige (gegen die britische Regierung) erstatten muss." Die Großmutter des 27-Jährigen sagte: "Er war sehr lieb, er hat sich um uns gekümmert, er hat mir viel Geld gegeben. Und er hat mein Telefon angeschlossen." Die britische Polizei hatte am Samstag mitgeteilt, dass Menezes nichts mit den Anschlägen zu tun hatte, und die "Tragödie" bedauert.
Umfrage: 85 % für Polizei-Strategie
Die brasilianische Gemeinschaft in London hat gegen die Tötung des unschuldigen Brasilianers protestiert. Mit Dressen der brasilianischen Fußball-Nationalmannschaft und Nationalfahnen drückten sie am Sonntag vor dem Scotland Yard-Gebäude ihr Entsetzen über den verhängnisvollen Fehler der britischen Behörden aus.
In einer Sky-News-Umfrage "Shoot to kill - should police rethink their policy?" (Schießen um zu töten - sollte die Polizei ihre Strategie ändern?) antworteten dennoch nur 15 Prozent der Befragten mit Ja. 85 Prozent sind von den Terror-Anschlägen offensichtlich noch immer so geschockt, dass sie den ermittelnden Beamten und Behörden sämtliche Befugnisse einräumen.
Scotland Yard: "Das ist eine Tragödie"
Scotland Yard-Chef Ian Blair hat sich für die tödlichen Schüsse entschuldigt. "Dies ist eine Tragödie. Die Londoner Polizei übernimmt dafür die volle Verantwortung. Der Familie kann ich nur mein tiefes Bedauern aussprechen", sagte Blair am Sonntag in einem Interview mit dem Nachrichtensender Sky News.
Polizeichef: "Keine Alternative" zu Kopfschüssen
Trotz der Kritik an der irrtümlichen Erschießung will die britische Polizei an ihrer Praxis festhalten, Terrorverdächtige im Zweifelsfall per Kopfschuss zu töten. Dazu gebe es keine Alternative, sagte Scotland-Yard-Chef Ian Blair am Sonntag dem Fernsehsender Sky News. Wenn der Verdacht bestehe, dass jemand einen Sprengstoffgürtel trage, sei es unmöglich, ihm in die Brust zu schießen, weil sich dort der Sprengsatz befinden könnte. Auch auf andere Körperteile zu zielen habe keinen Sinn, weil der Attentäter dann die Bombe noch zünden könnte.
(apa/red)
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