Montag, 18. Juli 2005

Blair traf islamische Gemeinschaft: Muslime
befürchten Entfremdung in Großbritannien

  • Tage nach dem Terror sind die 55 Opfer identifiziert
  • Für Briten ist Irak-Krieg für Anschläge verantwortlich

Mehrere Vertreter der islamischen Gemeinschaft haben am Dienstag nach Gesprächen mit dem britischen Premier Blair Befürchtungen geäußert, dass neue Anti-Terror-Gesetze jugendliche Muslime dem Land weiter entfremden könnten. Blair hatte bei den Gesprächen mit den muslimischen Vertretern angekündigt, derartige Regelungen Ende des Jahres einzuführen. Elf Tage nach den Bombenanschlägen sind laut Leichenbeschauer alle bisher geborgenen Todesopfer identifiziert. Die 55 aus U- Bahnzügen und einem Doppeldeckerbus geborgenen Toten seien bis Sonntag identifiziert worden.

Badawi vom Muslim College in London meinte nach dem Treffen, man könnte Radikale und Extremisten isolieren, wenn es der Regierung gelingen würde, die Moslems für sich zu gewinnen. Gleichzeitig warnte er, dass als "ungerecht" wahrgenommene Gesetze "einen Ozean zum Schwimmen für die Terroristen schaffen" würden.

Bungalwala vom Rat der Moslems in Großbritannien wies außerdem darauf hin: die Regierung müsse sich fragen, ob die Teilnahme des Landes am Irak-Krieg nicht auch zu den Anschlägen vom 7. Juli beigetragen habe. Das von der Blair-Regierung geplante Anti-Terror- Gesetz soll nun auch "indirekte Anstiftung" zum Terrorismus unter Strafe stellen.

Damit will das Kabinett insbesondere radikalen moslemischen Klerikern entgegentreten, die Terrorakte rechtfertigten und zum Hass gegen Andersgläubige aufriefen. Weiters untersucht wird eine Abschiebung von radikalen Predigern sowie ein Einreiseverbot für Personen, die auch in die USA oder in die anderen europäischen Länder nicht einreisen dürften.

Zahl der Toten erhöhte sich auf 56
Zuvor hatte die Londoner Polizei erklärt, die Zahl der bestätigten Todesopfer nach den Anschlägen vom 7. Juli sei auf 56 gestiegen, nachdem zwei weitere Menschen im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen seien. Etwa 700 Menschen wurden bei den Attacken auf einen Doppeldeckerbus und drei U-Bahnen zum Teil schwer verletzt.

Für Briten Zusammenhang zwischen Irak-Krieg & Terror
Zwei Drittel der Briten sehen einen direkten Zusammenhang zwischen der britischen Beteiligung am Irak-Krieg und den Terroranschlägen von London. Laut einer am Dienstag veröffentlichten Umfrage für den "Guardian" sind 33 Prozent der Briten davon überzeugt, die Entscheidung von Premierminister Tony Blair zur Beteiligung an der Irak-Invasion trage "viel Verantwortung" an den Bombenanschlägen.

Weitere 31 Prozent sehen "ein bisschen Verantwortung" der Kriegsbeteiligung für die Anschläge. 28 Prozent der befragten Briten sagten, Blairs Entscheidung zum Einmarsch in den Irak im März 2003 sei nicht für die Attacken vom 7. Juli in London verantwortlich.

75 Prozent der Briten halten der Umfrage zufolge weitere Selbstmord-Anschläge in Großbritannien für wahrscheinlich, nur elf Prozent wähnen sich in Sicherheit. Am Montag hatte das renommierte britische Forschungsinstitut Chatham House den Irak-Krieg in direkten Zusammenhang mit den Bombenanschlägen von London gestellt. Die Regierung hatte dies zurückgewiesen.

(apa/red)

18.7.2005 20:10