Montag, 18. Juli 2005

Tag zwei im Prozess um Cheibani Wague: Mängel in der Polizeiausbildung offenbart

  • Einer der Polizisten erklärt: Fesseln nicht gelernt
  • Aussage: Wague sei auf Kollegen "gesprungen"

Die Einvernahme der Angeklagten ist am Mittwoch im Wiener Landesgericht beim Prozess um den Tod des am 15. Juli 2003 im Stadtpark ums Leben gekommenen Cheibani Wague auf dem Programm gestanden. Dabei offenbarten sich unter anderem Mängel in der Polizeiausbildung: Ein Beamter gab an, ihm sei in der Ausbildung nie gezeigt worden, wie man jemanden fesselt.

Der 33-jährige Polizist sagte, niemals dahingehend geschult worden zu sein, wie man eine Fesselung bzw. Fixierung durchführt. "Das hat es nicht gegeben, dass man mir beigebracht hat, wie das geht", sagte der Beamte. "Ich habe bis heute keine Schulung gehabt", erklärte der Polizist auf die Frage, ob man ihm keine korrekte Fesselungstechnik beigebracht habe. In Bezug auf Cheibani Wague habe er deswegen "nicht gesehen, dass da etwas passieren könnte". Staatsanwältin Sabine Rudas-Tschinkel fand das "beunruhigend" und kommentierte diese Angaben mit Kopfschütteln: "Das ist wie Fahren ohne Führerschein."

Der betreffende Beamte hatte zuvor dem Gerichtsmediziner Daniele Risser erklärt, er habe Wague zwar mit seinem Knie im Nierenbereich fixiert, die Intensität aber "je nachdem, wie es erforderlich war" variiert. Da der Sachverständige damit offenbar nicht zufrieden war, entledigte sich Risser kurzerhand seines Sakkos, legte sich mit am Rücken verschränkten Händen in Bauchlage vor den Richtertisch und bat den Beamten, die Szene "nachzustellen".

Der Polizist tat wie ihm geheißen, verblieb zunächst allerdings in aufrechter Körperhaltung, bis ihn der Richter darauf aufmerksam machte, dass er seinerzeit im Stadtpark Wague mit vorgebeugtem Oberkörper fixiert habe. Darauf änderte der Beamte seine Körperhaltung, und Risser bekam hörbar Atembeschwerden. Anschließend gab er seine Eindrücke zu Protokoll: "Es war ein sehr starkes, einengendes Druckgefühl, das meine Atmung beeinträchtigt hat."

Zuvor hatte ein anderer Beamter erklärt, die Amtshandlung sei an sich schon abgeschlossen gewesen, als Wague plötzlich aus dem Krankenwagen sprang, in den man ihn zur Beruhigung auf einer Bahre geschoben hatte. Wague sei auf einen Kollegen "gesprungen", habe auf die Beamten einzutreten begonnen. Er habe ihn zu bändigen versucht, "aber er wollte sich eindeutig befreien. Er konnte es schaffen, dass er seine gefesselten Hände um meinen Oberkörper gelegt hat und ihn mir blau gequetscht hat".

Seine Kollegen seien ihm zu Hilfe gekommen, schilderte der 31-jährige Polizist. Wague wurde zu Boden gerungen. Jener habe dann mit seinem Kopf ständig absichtlich auf den Asphalt geschlagen, was die Beamten verhindern wollten: "Ich hab' mich auf seinen Kopf konzentriert. Kopfverletzungen sind nicht so lustig. Wir sind da, um zu helfen, nicht damit etwas passiert."

Bauchlage ergab sich durch "Niederreißen"
Dass sich Cheibani Wague in Bauchlage befand, habe sich "durch das Niederreißen ergeben". Dieser habe weiter Widerstand geleistet, bis ihm der Notarzt eine Haldol-Spritze verabreichte. Der Widerstand sei zwei bis drei Minuten später erlahmt, sagte der Beamte. Wague sei "in dem Bereich, den ich gesehen habe" nicht geschlagen worden. Er selbst habe die Atmung und den Puls des Mannes kontrolliert und sich gedacht: "Toll, die Spritze wirkt!"

Jene Polizistin, die mit einem Bein auf Wagues Oberschenkel stand, sagte, sie habe ihn "Eigensicherung stehend fixiert". Selbst als Wague sogar noch Fußfesseln angelegt wurden, blieb die Beamtin auf ihm stehen: "Ich wollte auf Nummer Sicher gehen, dass es zu keinem Gewaltausbruch kommt." Neuerlich machte sie dem Notarzt den Vorwurf, über weite Strecken untätig geblieben zu sein. Dieser habe sich nach der Spitze nicht weiter um Wague gekümmert. Auf ihre Frage, ob mit dem Puls alles in Ordnung sei, habe sich dieser nur weggedreht und "Passt schon" gemeint.

Auch die drei Sanitäter wollten nach eigenen Angaben bei der Amtshandlung mithelfen, nachdem sie von der Polizei dazu aufgefordert worden waren. Einer von ihnen behauptete in seiner Einvernahme, Wague habe nach Verabreichung der Haldol-Spritze noch eine "leichte Gegenwehr" geleistet.

Einvernahme des Notarztes abgebrochen
Am späten Mittwochnachmittag musste im Straflandesgericht die Einvernahme des in der Causa Cheibani Wague angeklagten Notarztes nach rund einer Stunde abgebrochen werden. Der 57-Jährige ist herzkrank und klagte über gesundheitliche Beschwerden. Seine Befragung wird morgen, Donnerstag, ab 8.30 Uhr fortgesetzt.

Der Arzt behauptete dezidiert, der mit am Rücken gefesselten Händen in Bauchlage am Boden fixierte Wague habe von den Polizisten Schläge bekommen - auch noch, nachdem er diesem eine Beruhigungsspritze verabreicht hatte. Wague habe nämlich noch immer "massiven Widerstand" geleistet, so der Mediziner.

Wague sei deswegen von den Beamten im Kopf- und Nackenbereich geschlagen worden: "Ich nehme an, sie wollten ihn zur Räson bringen." Konkret benennen konnte der Arzt die betreffenden Polizisten nicht, er habe sich mit der Spritze in der Hand auf Wagues "Gesäß konzentriert".

(apa/red)

18.7.2005 15:50