Österreich vor nächster Transit-Niederlage:
Lkw-Fahrverboten auf A12 in Tirol droht Aus
- EuGH-Generalanwalt: Zu schlecht vorbereitet
- VP & SP: "Positiv", Transitforum: "Rückschlag"
·Tirol: Transitforum will neues Fahrverbot
EuGH-Anwalt sagt: Lkw-Verordnung rechtswidrig

Im Jahrzehnte langen Transitstreit mit der EU droht Österreich wieder einmal eine Niederlage vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH): dieses Mal im Kampf der Tiroler um eine Genehmigung der sektoralen Lkw-Fahrverbote auf Teilen der Inntalautobahn (A12). Der Generalanwalt des EuGH hat die Fahrverbote nach mehrjähriger Prüfung am Donnerstag als EU-widrig bezeichnet. In vier von fünf Fällen nimmt diese Stellungnahme das Urteil der Richter vorweg.
Das Land Tirol hatte am 27. Mai 2003 eine Verordnung erlassen, wonach ab 1. August desselben Jahres auf dem etwa 46 Kilometer langen Teilstück der A12 zwischen Hall und Wörgl Lkw mit über 7,5 t nicht fahren dürfen, wenn sie Abfälle, Getreide, Rundholz und Kork, Nichteisen- und Eisenerze, Steine, Erden, Aushub, Kraftfahrzeuge und Anhänger oder Baustahl transportieren. Das Land argumentierte die Einschränkung mit einer Überschreitung von Schadstoffgrenzwerten bei der Messstelle Vomp. Nach schweren Einwänden der EU-Kommission hatte der EuGH jedoch in einem Blitzverfahren noch vor In-Kraft-Treten der Lkw-Fahrverbote eine einstweilige Verfügung verhängt. Die Regelung liegt seither auf Eis.
Zu ungenau geprüft?
Der Generalanwalt begründet seine Ablehnung im Schlussantrag nun damit, dass die Beschränkungen mit den Verpflichtungen Österreichs nach den Vereinbarungen über den freien Warenverkehr unvereinbar seien und gegen den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit verstoßen würden. Es sei nicht erkennbar gewesen, dass die österreichischen Behörden bei der Vorbereitung des Fahrverbots ausreichend geprüft hätten, ob das Ziel der Verringerung der Schadstoffemissionen durch andere, weniger beschränkende Maßnahmen erreicht werden könnte und ob die Beförderung der betroffenen Güter über die Schiene oder Ausweichrouten eine realistische Alternative darstelle.
EU verlangt längere Übergangsfristen
Außerdem hätte Tirol nach Meinung des Generalanwalts die am meisten betroffenen Mitgliedstaaten und die EU-Kommission konsultieren und den betroffenen Wirtschaftsbranchen Übergangsfristen gewähren müssen. Eine solche Übergangszeit könne Jahre dauern. Zwei Monate seien für die Einführung "eindeutig zu kurz und somit unverhältnismäßig" gewesen, heißt es im Schlussantrag. Und schließlich sei das geplante sektorale Lkw-Fahrverbot in Tirol nicht von den Luftqualitätsrichtlinien der EU gedeckt. Die in der Richtlinie festgeschriebenen Grenzwerte, auf die das Land Tirol reagiert hatte, müssten nämlich erst 2010 erreicht werden.
Hoffnung auf Hintertür
Nach der zu erwartenden endgültigen Ablehnung durch den EuGH, voraussichtlich im Herbst dieses Jahres, lässt der Generalanwalt mit dieser Argumentation den Tirolern aber zumindest eine kleine Hintertür für einen Neuanlauf in fernerer Zukunft offen. Denn: Als diskriminierend für ausländische Transportunternehmen werden die Fahrverbote auf der Inntalautobahn - anders als nach Ansicht der EU-Kommission - im Schlussantrag grundsätzlich nicht gewertet.
Van Staa: "Prinzipiell positiv"
Tirols Landeshauptmann Herwig van Staa (V) und Verkehrsreferent, LHStv. Hannes Gschwentner (S) werteten den Schlussantrag daher in einer ersten Reaktion als Teilerfolg und "prinzipiell positiv". "Das heißt für uns, dass diese Maßnahme grundsätzlich nicht unzulässig ist", meinte der Tiroler Landeshauptmann. Alle anderen Einwände ließen sich "nachbessern", glaubt Gschwentner. Fazit: Der Generalanwalt bringe "großes Verständnis für die Situation Tirols in Hinblick auf das überproportionale Verkehrswachstum und die daraus resultierende Belastung der Umwelt und der Gesundheit auf."
Gorbach weist Verantwortung zurück
Ein Sprecher von Vizekanzler und Verkehrsminister Hubert Gorbach (B) erklärte am Donnerstag, es gelte einen fairen Ausgleich zwischen Umwelt- und Wirtschaftsinteressen zu finden. Vorwürfe der Opposition, Gorbach sei für das vorläufige "Nein" zu den Fahrverboten verantwortlich, wies der Sprecher zurück. Gorbach habe als Verkehrsminister weder Eingriff auf die entsprechende Verordnung des Landes, noch auf die österreichische Argumentationslinie vor dem EuGH gehabt.
Transitforum: "Schwerer Rückschlag"
Das Transitforum Austria-Tirol sprach von einem "schweren Rückschlag" für die Landes- und Bundespolitik ebenso wie für die Menschen an der Brennerroute. Gleichzeitig forderten die Transitgegner die Tiroler Landesregierung auf, unverzüglich ein neues sektorales Lkw-Fahrverbot für den Transport bestimmter Güter auszuarbeiten und zu verordnen.
(apa/red)

