Nächstes Land im Visier der Finanzminister:
Defizitverfahren gegen Italien beschlossen
- Erstmals Anwendung von neuem EU-Stabilitätspakt
- Defizit 2006 könnte bei über vier Prozent liegen
Die EU-Finanzminister haben erstmals den reformierten EU-Stabilitätspakt angewandt und Italien zwei Jahre Zeit zum Abbau seiner zu hohen Neuverschuldung gegeben. Die Finanzminister folgten damit am Dienstag in Brüssel einmütig einem Vorschlag der EU-Kommission. Defizitsünder Deutschland drohen angesichts einer weiter zu hohen Neuverschuldung verschärfte haushaltspolitische Auflagen durch die EU.
In Reaktion auf die Terroranschläge in London vergangene Woche einigten sich die Finanzminister darauf, die Maßnahmen zur Bekämpfung von Terrorfinanzierung so schnell wie möglich voranzubringen. Österreich war beim Ministerrat durch Finanzstaatssekretär Alfred Finz (V) vertreten.
Zwei Jahre Zeit Defizit auf 3 Prozent zu drücken
Italien bekommt zwei Jahre Zeit, um das Budgetdefizit wieder auf die im Stabilitäts- und Wachstumspakt vorgeschriebene Grenze von 3 Prozent des BIP zu drücken, wie dies die EU-Kommission vor zwei Wochen empfohlen hat. Nach Berechnungen des EU-Statistikamtes Eurostat verzeichnete Italien in den Jahren 2003 und 2004 ein Defizit von jeweils 3,2 Prozent und wird auch 2005 über dem Grenzwert liegen und 2006 ohne Korrekturmaßnahmen sogar über 4 Prozent.
Italien erwartet in diesem Jahr gar kein Wirtschaftswachstum. Deshalb gaben die Finanzminister dem Land statt einem gleich zwei Jahre Zeit, sein Defizit von erwarteten 3,6 Prozent in diesem Jahr auf unter drei Prozent zu senken. Italien verpflichtete sich im Gegenzug zu Strukturreformen, um den Haushalt nachhaltig zu sanieren. Auch gegen Portugal soll ein Defizitverfahren eingeleitet werden, hieß es am Rande des Ecofin-Rates.
Wiederaufnahme des Verfahrens gegen Deutschland?
EU-Währungskommissar Joaquin Almunia sagte am Montagabend in Brüssel nach einem Treffen der Euro-Gruppe, dass eine Entscheidung über die Wiederaufnahme des Defizitverfahrens gegen Deutschland im Herbst möglich sei. Zunächst werde er im September die neuesten Zahlen der deutschen Regierung abwarten und diese beurteilen. Eine Entscheidung werde unabhängig davon fallen, wer bei möglichen Neuwahlen im September gewinne, sagte Almunia.
Derzeit liegt das Defizitverfahren gegen Deutschland auf Eis. Die Bundesregierung hatte sich ursprünglich verpflichtet, in diesem Jahr das Haushaltsdefizit - entsprechend dem Stabilitätspakt - wieder unter drei Prozent zu drücken. Er habe mit dem deutschen Finanzminister Hans Eichel gesprochen, der 2005 von einer Neuverschuldung in Höhe von 3,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausgeht. Almunia sagte, halte der Trend, werde Deutschland bis 2007 das Kriterium verletzen. (apa/red)

