Sonntag, 17. Juli 2005

Nach Anschlag in türkischem Urlaubsort: Polizei verschärft Sicherheitsvorkehrungen

  • Ermittler glauben nicht mehr an Selbstmordanschlag
  • Alle fünf Todesopfer um die 20 Jahre alt

Nach dem bisher blutigsten Terroranschlag gegen Touristen in der Türkei mit fünf Toten und 14 Verletzten haben die türkischen Behörden die Sicherheitsvorkehrungen in Izmir und den Touristenorten an der Ägäisküste verstärkt. In Kusadasi, Marmaris und Bodrum wurden Straßenkontrollen eingerichtet. Am Samstag waren im Urlaubsort Kusadasi fünf Menschen, darunter zwei Urlauberinnen aus Irland und England, getötet worden, als eine Bombe in einem vollbesetzten Kleinbus explodierte. Einige der Schwerverletzten, darunter fünf britische Touristen, schwebten am Sonntag noch in Lebensgefahr.

Bei der Bombe handelte es sich nach Angaben der Behörden um Plastiksprengstoff, der entweder mit einem Zeitzünder oder aber ferngezündet worden sei. Die anfängliche Vermutung, eine junge Selbstmordattentäterin könnte sich in die Luft gesprengt haben, bestätigte sich nach der Identifizierung aller Opfer nicht. "Ein Selbstmordattentäter war nicht im Spiel", sagte Provinzgouverneur Mustafa Malay am Sonntag der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Ajansi. Die Bombe sei in einer kleinen Tasche unter einem Sitz an der Fensterseite angebracht gewesen.

Zu dem Anschlag bekannte sich zunächst niemand. Vermutungen zielen auf kurdische Extremisten, die dem Tourismus in der Türkei Schaden zufügen wollen. Großbritannien, Irland und andere europäische Länder verurteilten den Terrorakt. Die Opfer waren durchweg junge Menschen. Getötet wurden eine 21- jährige Türkin, die demnächst Verlobung feiern wollte, und ein junges Paar mit Heiratsplänen, wie türkische Zeitungen am Sonntag berichteten. Auch die Urlauberinnen aus Irland und Großbritannien waren erst 17 und 21 Jahre alt.

Die Bombenexplosion war der zweite Anschlag in einem türkischen Badeort innerhalb einer Woche. Am Sonntag vor einer Woche waren bei der Explosion einer Splitterbombe in einem Papierkorb im Küstenort Cesme unweit der Großstadt Izmir 20 Touristen verletzt worden, darunter ein Brite und ein Russe. Dazu hatten sich die so genannten "Freiheitsfalken Kurdistans" bekannt, eine Splittergruppe der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK. Ein Anrufer hatte nach Angaben der PKK-nahen Nachrichtenagentur MHA weitere Anschläge angedroht. Die PKK-Führung distanzierte sich angeblich von dem neuerlichen Bombenanschlag. Er verurteile den Angriff auf Zivilisten, zitierte die MHA Zübeyir Aydar, den Vorsitzenden der verbotenen PKK, die sich inzwischen Kongra-Gel (Kurdischer Volkskongress) nennt.

Der Kleinbus in Kusadasi wurde durch die Wucht der weithin hörbaren Explosion zerfetzt. Er passierte gerade einen zentralen Platz mit einem Denkmal des türkischen Republikgründers Kemal Atatürk, als die Bombe detonierte. Nicht weit von derselben Stelle war erst vor gut zwei Monaten eine Sprengladung explodiert und hatte einen Polizisten getötet. Vier weitere Beamte, die den Sprengsatz ebenfalls ohne Schutzvorkehrungen hatten entschärfen wollen, wurden verletzt.

Seit die Kurdische Arbeiterpartei PKK vor einem Jahr eine fünfjährige Waffenruhe für beendet erklärt hatte, häufen sich in der Türkei wieder Bombenanschläge und Gefechte zwischen kurdischen Extremisten und der türkischen Armee. Von 1984 bis zur Festnahme von PKK-Führer Abdullah Öcalan 1999 hatte die PKK in der Türkei einen blutigen Guerillakrieg geführt, bei dem mehr als 30.000 Menschen getötet wurden.

Seit 1984 bekämpfen die türkischen Streitkräfte im Südosten PKK-Rebellen. Einige tausend PKK-Kämpfer haben sich in die Berge des Nordirak zurückgezogen. Die USA, seit der Invasion im Irak praktisch Ordnungsmacht im Irak, haben ihr Versprechen an Ankara nicht erfüllt, die Sache der illegalen Kämpfer zu regeln. Nach der Verhaftung Öcalans 1999 hatte die PKK einen Waffenstillstand erklärt. Dieser wurde am 1. Juni 2004 für beendet erklärt; seitdem nimmt die Gewalt wieder zu. In der jüngeren Zeit haben PKK-Rebellen wieder mehrfach vom Nordirak aus Übergriffe auf die Südosttürkei verübt.

(apa)

17.7.2005 08:54