Freitag, 15. Juli 2005

Schockierte Augenzeugenberichte: Israel fliegt wieder Luftangriffe im Gaza-Streifen

  • Angeblich auch Friedhof und Flüchtlingslager als Ziel
  • Einsatz als Reaktion auf Raketen der Hamas?

Palästinensische Polizisten und Aktivisten der radikalislamischen Hamas-Bewegung haben sich am Freitag im Gazastreifen die heftigsten Gefechte seit gut zehn Jahren geliefert. Dabei wurden nach Krankenhausangaben zwei Menschen getötet, ein Jugendlicher und ein Kind. Unter den mindestens 25 Verletzten sind sechs Polizisten. Israel hält indes trotz palästinensischen Raketenangriffen auf sein Territorium an dem für Mitte August geplanten Abzug aus Gaza fest.

Zu den Kämpfen kam es in Seitun, einem Stadtteil von Gaza, als die Sicherheitskräfte dort nach Hamas-Extremisten suchten. Diese hatten am Vortag Raketen auf israelische Städte und jüdische Siedlungen im Gazastreifen abgefeuert und dabei eine 20-jährige Israelin getötet sowie mehrere Menschen verletzt.

Ein Vertrauter des israelischen Ministerpräsident Ariel Sharon sagte am Freitag, eine Verschiebung des Gaza-Abzugs sei ausgeschlossen. Israel werde jedoch "sehr hart reagieren", falls die Mörser- und Raketenangriffe vom Gazastreifen auf Israel anhielten. Dies war auch am Freitag der Fall. Extremisten feuerten wieder zahlreiche Kassam-Raketen auf die israelische Grenzstadt Sderot und israelische Siedlungen ab. Insgesamt schlugen nach Angaben der israelischen Armee seit Donnerstagnachmittag fast 50 Raketen und Mörsergranaten ein.

Die Hamas, die für eine Zerstörung Israels kämpft, begründete ihre nach eigenen Angaben ersten Angriffe seit fünf Monaten mit einem israelischen Verstoß gegen die im Februar vereinbarte Waffenruhe. Israel reagierte mit Luftangriffen. Der Waffenstillstand galt damit ebenso als gefährdet wie der für Mitte August geplante Abzug Israels aus dem Gazastreifen. Die Hamas kämpft für eine Zerstörung Israels.

Der palästinensische Sicherheitschef Nasser Yussef erklärte, seine Einheiten würden nicht zögern, für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Er befahl den Extremisten, sämtliche Raketenangriffe umgehend einzustellen. Ein Hamas-Kommandant forderte daraufhin, dass der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas Youssef entlassen solle. Abbas hielt sich am Freitag im Gazastreifen auf. Ein späteres Treffen mit der Hamas wurde nicht ausgeschlossen. Kabinettsminister Saher Bseisso erklärte allerdings, die Extremisten ließen dem Präsidenten kaum eine andere Wahl, als sie in die Knie zu zwingen. Beobachter werteten dies als eine neue härtere Haltung der Autonomiebehörde.

In Seitun brannten radikale Palästinenser eine Polizeistation nieder und setzten einen Mannschaftswagen sowie drei Jeeps der Polizei in Brand. Nach einem heftigen Schusswechsel zogen sich die Sicherheitskräfte später an den Rand des Bezirks zurück. Maskierte Extremisten bezogen Stellungen auf den Dächern und an Straßenkreuzungen. Hunderte Anrainer beobachteten das dramatische Geschehen auf den Straßen.

Wenige Stunden zuvor hatten israelische Kampfhubschrauber ein Kulturzentrum der Hamas-Bewegung nördlich von Gaza sowie zwei Ziele im Flüchtlingslager Khan Younis (Yunis) angegriffen. Von dort sollen die Raketen auf Israelis abgefeuert worden sein. Ein vierter nächtlicher Luftangriff richtete sich gegen einen kleinen Metallbetrieb in Deir al Baalah. Außerdem errichteten die israelischen Streitkräfte mehrere Straßensperren im Gazastreifen und teilten das Gebiet damit in drei Abschnitte.
(apa/red)

15.7.2005 07:49