Montag, 11. Juli 2005

Srebrenica-Massaker jährt sich zum 10. Mal: 40.000 bei Gedenken in bosnischer Stadt

  • 610 identifizierte Opfer in Gedenkstätte beigesetzt
  • Serbiens Präsident Tadic verneigt sich vor Särgen

Etwa 40.000 Menschen haben am Montag in einer Trauerzeremonie zum 10. Jahrestag des Massakers an bosnischen Moslems in Srebrenica der Opfer gedacht. Trotz der Kritik von Überlebenden und Angehörigen der moslemischen Opfer kam auch der serbische Präsident Boris Tadic zu der Gedenkfeier und verneigte sich vor den Särgen von 610 Opfern, die im Anschluss an die Zeremonie feierlich beigesetzt wurden. Tadic besuchte als erster offizieller Repräsentant Serbiens die Stadt Srebrenica. Die Gedenkveranstaltung war von starken Sicherheitsvorkehrungen begleitet; sie verlief ohne Zwischenfälle.

Der britische Außenminister Jack Straw sprach in seiner Rede von der "Schmach der internationalen Gemeinschaft", die das Massaker nicht verhindert habe. Er verlas eine Botschaft seines Premierministers Tony Blair, wonach die Bombenleger von London am vergangenen Donnerstag innerreligiösen und -kulturellen Hass säen wollten, was ihnen niemals gelingen dürfe. Ähnlich äußerte sich der internationale Verwalter für Bosnien-Herzegowina, Paddy Ashdown. Er bezeichnete das Versagen der Welt angesichts des Massakers als "unsere größte Schande."

Der frühere US-Vermittler Richard Holbrooke erklärte, das Massaker von Srebrenica hätte nie stattfinden dürfen. Die "Tragödie" stehe für das Scheitern der NATO und der UNO-Blauhelmsoldaten. Der Sondergesandte von UNO-Generalsekretär Kofi Annan, Marc Malloch Brown, sagte, die Tragödie von Srebrenica werde die Geschichte der Vereinten Nationen für immer überschatten.

Zu den prominenten Teilnehmer an der Zeremonie zählten die Außenminister Frankreichs und der Niederlande, Philippe Douste-Blazy und Ben Bot. Österreich war durch Außen-Staatssekretär Hans Winkler vertreten, die USA durch den mit Kriegsverbrechen befassten hochrangigen Diplomaten Pierre Richard Prosper.

Winkler rief dazu auf, das Friedensprojekt Europa "durch konkrete Heranführung der Balkanstaaten an die EU zu stärken". Auch zehn Jahre nach dem Massaker seien nämlich "die Wunden noch nicht verheilt". Der Koordinator für den Südosteuropa-Stabilitätspakt der EU, Erhard Busek, rief Serbien in einem Radiointerview dazu auf, seine Schuld an den Menschenrechtsverletzungen in Srebrenica anzuerkennen.

Die 610 in Särgen liegenden identifizierten Opfer des Massakers im Alter zwischen 14 und 75 Jahren wurden auf dem Friedhof an der Seite der dort bereits begrabenen mehr als 1.300 Moslems beigesetzt. Sie waren zuvor aus Massengräbern geborgen worden. Zahlreiche Angehörige der Opfer verfolgten die Beisetzung unter Tränen. "Mein Herz ist gebrochen. Ich habe keine Worte für meinen Schmerz", sagte die Bosnierin Beguna Mujic. Sie kam, um ihre beiden Brüder und ihren Sohn zu beerdigen. "Ich erinnere mich noch, wie wir uns verabschiedet haben. Es tut mir in der Seele weh", sagte Hajra Ademovic, die ihre beiden Söhne beerdigte.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) wies darauf hin, dass immer noch 5.000 Opfer des Massakers offiziell als vermisst gelten. Für ihre Angehörigen sei dies eine "unerträgliche Belastung", da sie keine Gewissheit hätten. Das IKRK rief die Verantwortlichen auf, das Schicksal dieser Personen endlich aufzuklären.

Die Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, Carla del Ponte, blieb der Gedenkfeier fern. Sie protestierte damit gegen die Tatsache, dass der ehemalige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic und sein damaliger Militärchef Ratko Mladic, die als Hauptverantwortliche für das Massaker an mehreren tausend moslemischen Burschen und Männer gelten, immer noch nicht gefasst sind.

Am 11. Juli 1995 hatten bosnisch-serbische Einheiten die von niederländischen Blauhelmsoldaten bewachte UNO-Schutzzone in der ostbosnischen Moslem-Enklave Srebrenica erobert. In den folgenden Tagen töteten sie etwa 8.000 moslemische Burschen und Männer und verscharrten sie in Massengräbern. Karadzic und Mladic sind vor dem Haager Gerichtshof wegen Völkermords und Kriegsverbrechen angeklagt.
(apa)

11.7.2005 07:39