Terrornetzwerk der Radikalislamisten :
Das "Prinzip" oder die "Taktik" Al Kaida
- Britischer Experte warnt vor verkürzter Definition
"Die gute Nachricht ist, dass diese Al-Qaida gar nicht existiert. Die schlechte Nachricht ist, dass die Bedrohung weit gefährlicher ist als irgendein einzelner Terroristenführer mit einer Armee von treuen Kadern." Der britische Experte und Chefreporter des Londoner "Observer", Jason Burke, warnt in seinem 2003 erschienenen Buch (2004 auf deutsch) "Al-Qaida. Wurzeln, Geschichte, Organisation" vor einer verkürzten Sichtweise des Phänomens als einer perfekt organisierten Terrorgruppe unter der Führung Osama Bin Ladens. Vielmehr ist Al Kaida Burke zufolge heute ein "Prinzip" oder eine "Taktik".
Bin Ladens Stellung selbst erscheine auf den ersten Blick schwach, schreibt Burke. Sein eigentlicher Aufenthaltsort sei unbekannt, er werde bei den paschtunischen Stämmen entlang der afghanisch-pakistanischen Grenze vermutet. Der harte Kern seiner Gruppe ist zu einem Gutteil zerschlagen, getötet wie beispielsweise der Militärchef Mohammed Atif oder verhaftet wie Abu Zubaydah und Chalid Scheich Mohammed. Auch das System der afghanischen Ausbildungslager ist durch den Einmarsch der USA und ihrer Verbündeten zerstört.
Dennoch laufe der Krieg "aus bin Ladens Sicht sehr gut", so Burke. Er habe es immer darauf abgesehen, alle Muslime zu radikalisieren und zu mobilisieren, was für Radikalislamisten seit drei Jahrzehnten das entscheidende Problem gewesen sei. Die Kämpfer gegen den Terror würden wiederum versuchen, dieser Radikalisierung entgegenzuwirken.
"Bin Laden gewinnt die Oberhand"
"Wer einen Blick in die meistgelesenen Zeitungen der islamischen Welt wirft, den Freitagspredigten in den Moscheen des Nahen Ostens lauscht oder ein paar Stunden auf einem Basar oder Shouk, in einem Cafe oder eine Kebabrestaurant in Damaskus, Kabul, Karatschi, Kairo, Casablanca oder auch in London oder New York verbracht hat, sieht, wessen Anstrengungen mehr Erfolg beschieden sind. Bin Laden gewinnt die Oberhand", lautet die Diagnose des Briten.
Burke weiter: "Zwar ist der harte Kern - die Vorhut - inzwischen zerstreut und die Basis zerstört, aber das Verlangen nach dem Dschihad, das Zehntausende junger Männer in die afghanischen Terrorcamps trieb, blüht nach wie vor. Bin Ladens Botschaft leuchtet Millionen von Menschen ein." Al Kaida als eine geschlossene Gruppe gebe es nicht (mehr). Terroristen wie der im Irak operierende Jordanier Abu Musab al-Zarqawi etwa definieren die eigene Gruppe als Alternative zu Bin Ladens Gruppe, sehen sich als Rivalen. Sie fühlen sich aber ähnlichen Zielen verpflichtet. "Was bleibt, ist die Idee von al-Qaida."
Attentäter wählen nicht immer Märtyrertod
Doch selbst diese Idee kann variieren, was den radikalislamistischen Terror zusätzlich unberechenbar macht. Bei dem Anschlag in Madrid etwa verzichteten die Attentäter auf den Märtyrertod, der normalerweise als eines der höchsten zu erreichenden Ziele gilt, wie der britische Autor schreibt.
Burke macht auch darauf aufmerksam, dass Europa selbst immer mehr zum Personalreservoir des radikalislamistischen Terrors wird. "Es ist kein Zufall, dass britische Sicherheitsbeamte, die dem islamistischen Terror entgegenzuwirken suchen, vor allem Moscheen beobachten, die von jungen afro-karibischen Einwanderern der ersten oder zweiten Generation besucht werden."
(apa/red)
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