Armstrongs Ziel für die Tour de France:
Mit siebentem Sieg in Radsport-Pension
- T-Mobile-Profis Ullrich, Winokurow als härteste Gegner
- Gerolsteiner mit Totschnig/Leipheimer als Top-Duo
Mit dem Gelben Trikot auf dem Karriere-Höhepunkt in die Radsport-Pension. Was den Fünffach-Siegern Miguel Indurain, Bernard Hinault, Eddy Merckx und Jacques Anquetil versagt blieb, will Lance Armstrong bei der 92. Tour de France erreichen. Der 33-jährige US-Amerikaner möchte seine letzte Tour als Gesamtsieger beenden - mit dem siebenten Erfolg in Serie würde er wohl einen Rekord für die Ewigkeit aufstellen.
Armstrong präsentiert sich zum Auftakt, einem 19-km-Einzelzeitfahren in Fromentine, mit perfektem Kampfgewicht. "Ich fühle mich stark, weit besser als in der Dauphine", erklärte Armstrong, der sich von seinen Gegnern nicht in die Defensive drängen lassen wird. Angriff galt für den früheren Krebspatienten schon immer als beste Verteidigung.
"Die Tour wird heuer in den Bergen entschieden", sagt Armstrong und hat neuerlich nichts dem Zufall überlassen. Die Anstiege seien härter als erwartet, ließ der Superstar des Teams Discovery Channel nach einer Erkundungstour verlauten und hob das zwölfte Teilstück nach Digne (sechs Bergwertungen im Mittelgebirge) hervor. "Da gibt es keine großen Anstiege, aber es wird ein harter Tag. Viele werden überrascht sein, vor allem, wenn es heiß ist."
Die Teamkollegen des Tour-Dominators, die sich voll in dessen Dienst stellen, wären alle für Etappensiege oder Spitzenplätze in der Gesamtwertung gut. George Hincapie (USA), bei allen Siegen ein treuer Diener seines Chefs, Giro-Gewinner Paolo Savoldelli (ITA), Manuel Beltran (ESP) und Jaroslaw Popowitsch (UKR) sind die bekanntesten. Mit der geballten Stärke von Discovery Channel kann kein anderer Rennstall mithalten. "Wenn einer sieben Siege schafft, dann Armstrong", prognostiziert Georg Totschnig.
Ullrich: "Wir wollen Armstrong schlagen"
Die größte Gefahr dürfte Armstrong vom Team T-Mobile drohen. Jan Ullrich, der Gewinner von 1997 und Vorjahrs-Vierte, ist der deklarierte Kapitän, Alexander Winokurow (KZK/Dritter 2003) lauert auf seine Chance, Andreas Klöden fehlte hingegen zuletzt noch die Form, die ihn 2004 auf Rang zwei geführt hatte. Ullrich, der in den Bergen der Tour de Suisse noch nicht top war, will kämpfen wie ein Löwe. "Ich bin heiß drauf, dass es endlich los geht. Wir wollen Armstrong schlagen", erklärte der 31-Jährige.
Ein logischer Herausforderer wäre Ivan Basso. Der Schützling des Dänen Bjarne Riis bei CSC (Riis hat 1996 die Regentschaft von Indurain beendet) hat sich seit dem dritten Vorjahrs-Rang vor allem im Zeitfahren stark verbessert, seine Klasse in den Bergen ist unbestritten. Ein mögliches Manko: Basso hat heuer schon den Giro d'Italia in den Beinen. Dort hatten ihn Magenprobleme das Rosa Trikot gekostet, im Finish feierte er aber zwei Etappensiege. "Ich fühle mich stärker als vergangenes Jahr, aber zu sagen, ich fahre nach Frankreich, um die Tour zu gewinnen, fällt mit schwer. In meinem Innersten hoffe ich jedoch darauf", erklärte der 27-jährige Italiener.
Greifen diesesmal die Spanier an?
Die spanischen Rennställe bieten erneut etliche starke Fahrer auf, doch seit der schweren Sturzverletzung von Joseba Beloki, dem Zweiten von 2002, hat es keiner aufs Podest geschafft. Roberto Heras (mit Beloki bei Liberty Seguros), Iban Mayo und Haimar Zubeldia (beide Euskaltel) sowie Alejandro Valverde und Francisco Mancebo (beide Illes Baleares) fehlt wohl die Konstanz, um Armstrong echt zu fordern.
Sie alle gelten aber auf Anwärter auf Platzierungen unter den ersten Fünf. Dieses Ziel hat sich auch das Team Gerolsteiner gesetzt. Die Doppelspitze Georg Totschnig-Levi Leipheimer soll stechen. Die Formkurve des Gesamt-Siebenten bzw. Gesamt-Neunten 2004 verlief heuer unterschiedlich. Ist der Tiroler (einziger der vier Österreicher mit Ambitionen auf die Gesamtwertung) von der Topform noch entfernt, so hat der auch im Zeitfahren enorm starke US-Amerikaner bereits vor einigen Wochen bei der Dauphine-Rundfahrt aufgezeigt.
Doch bei der Tour wird es erst in der zweiten Woche wirklich ernst, wenn drei Alpen- und drei Pyrenäen-Etappen warten. Da werden die Positionen bezogen, ehe auf der 20. und vorletzten Etappe (23.7.), einen 55-km-Einzelzeitfahren in St. Etienne, die Entscheidung fällt. Armstrong wird nach der Zielankunft auf den Pariser Champs Elysees sein Rad an den Nagel hängen und weiß schon, was er danach machen wird, egal ob als Sieger oder als Besiegter: "Ich werde heimfahren und mir ein kühles Bier aufmachen."
(apa)
