Mittwoch, 29. Juni 2005

"Kampf für die Freiheit ist die Opfer wert":
Bush sieht Aufgabe im Irak nicht erledigt

  • Zeitplan für Truppenabzug wäre das falsche Signal
  • N.Y. Times: "Beantwortet nur Fragen, die niemand stellt"

In einer Grundsatzrede zur Lage im Irak hat US-Präsident Bush einen Zeitplan für einen Abzug der US-Truppen aus dem Irak abgelehnt. Dies wäre ein "schwerer Fehler", sagte Bush auf einem Militärstützpunkt in North Carolina. Gleichzeitig ließ er durchblicken, dass er die Truppen nicht aufstocken will. Der US- Präsident rief die Amerikaner zur Geduld auf. nicht nur Demokraten, auch die amerikanische Presse kritisierte die Rede von Bush.

Anlässlich des Jahrestags der formellen Machtübergabe an eine irakische Übergangsregierung warb Bush um Unterstützung für seine Irak-Politik. Er schwor seine Landsleute auf weitere harte Prüfungen ein. Der Kampf für die Freiheit sei die Opfer wert.

"Wie die meisten Amerikaner sehe auch ich die Bilder der Gewalt und des Blutvergießens. Jedes Bild ist schrecklich, und die Leiden sind wirklich." Das Opfer lohne sich aber, "und es ist lebenswichtig für die künftige Sicherheit unseres Landes", sagte Bush.

Die USA blieben so lange im Irak, wie es nötig sei, und "keinen Tag länger", so Bush. Die USA haben im Irak mehr als 130.000 Soldaten stationiert. Nach den Worten des US-Präsidenten soll eine Mischung aus militärischen und politischen Reformen für die angestrebte Sicherheit und Stabilität im Irak sorgen.

Bushs Rede war auch eine Reaktion auf den schwindenden Rückhalt in der US-Bevölkerung für seine Irak-Politik. Eine Mehrheit lehnt die Irak-Politik der Regierung ab. In einer am Montag veröffentlichten Umfrage zeigten sich 56 Prozent nicht einverstanden mit der Art und Weise, wie Bush mit der Lage im Irak umgehe. Dennoch sprachen sich 58 Prozent der Befragten dafür aus, die US-Truppen so lange im Irak zu halten, bis dort die öffentliche Ordnung wieder hergestellt sei. Seit der US-geführten Invasion im Irak im März 2003 kamen mehr als 1.730 US-Soldaten in dem Land ums Leben.

Demokraten kritisieren nach Rede Irak-Politik
Spitzenpolitiker der Demokraten haben US-Präsident George W. Bush Planlosigkeit im Irak vorgeworfen. Bush habe in seiner Rede kein Konzept vorgelegt, wie er im Irak gewinnen wolle, erklärte der Chef der Demokraten im Senat, Harry Reid in Washington.

Außerdem schlachte Bush den Bezug zu den Anschlägen vom 11. September 2001 regelrecht aus. Die vielen Anspielungen Bushs auf den 11. September wiesen keinen Weg, sondern erinnerten die US-Bürger nur daran, dass "unser gefährlichster Feind, Osama bin Laden, noch immer auf der Flucht ist, und dass Al Kaida weiter in der Lage ist, diesem Land großes Übel zuzufügen", sagte Reid.

Reids Parteikollegin im Abgeordnetenhaus, Nancy Pelosi, warf Bush vor, eine Gelegenheit verpasst zu haben, den "Amerikanern klare Worte zu sagen". Die wiederholten Anspielungen auf den 11. September hätten nur die "Schwäche der Argumente" des Präsidenten unterstrichen. Senator John Kerry, der bei der vergangenen Präsidentschaftswahl gegen Bush das Nachsehen hatte, sagte, es mangle den USA nicht an Entschlossenheit im Irak, sondern an einem Plan.

"New York Times": Bush "beantwortet nur Fragen, die niemand stellt"
Die "New York Times" schreibt Rede von: "Wir haben nicht erwartet, dass Bush sich für die Fehlinformationen entschuldigen würde, die dazu beitrugen, uns in diesen Krieg zu führen, oder für die katastrophalen Fehler, die er und seine Mannschaft bei der Führung der Militäroperation gemacht haben. Aber wir haben erwartet, er würde der Versuchung widerstehen, immer und immer wieder das blutige Banner des 11. September zu erheben, um einen Krieg in einem Land zu rechtfertigen, der überhaupt nichts mit den Terroranschlägen zu tun hatte. Wir hofften, er würde die Gelegenheit nutzen, um der Nation zu sagen, wie er den Sieg definiert, und um den Amerikanern eine präzise Idee zu vermitteln, wie er dieses Ziel erreichen will - und nicht nur das gleiche Wunsch-Szenario zu wiederholen, das er seit der Invasion beschreibt.

Leider ließ Bush diese Gelegenheit gestern Abend verstreichen und beantwortete mit seiner Rede nur Fragen, die niemand gestellt hat. Immer und immer wieder sagte er der Nation, ein stabiler und demokratischer Irak sei amerikanische Opfer wert. Die Nation fragte sich aber, ob die amerikanischen Opfer überhaupt zu einem stabilen und demokratischen Irak führen können."
(apa/red)

29.6.2005 07:09