Dienstag, 28. Juni 2005

Energiequelle der Zukunft? Der Fusions- reaktor ITER wird in Frankreich gebaut!

  • EU mit Zuschlag für internationales Forschungsprojekt
  • Bau von ITER soll "so schnell wie möglich" beginnen

Der weltweit erste Forschungsreaktor zur Kernfusion, ITER, wird im südfranzösischen Cadarache gebaut. Nach jahrelangem Tauziehen einigten sich die sechs internationalen Partner am Dienstag in Moskau auf den Standort im Norden von Marseille für das milliardenschwere Projekt.

Die EU-Kommission sprach von einem historischen Schritt und erklärte, der Bau des Projektes solle nun noch vor Jahresende beginnen. Frankreichs Forschungsminister Francois Goulard sagte, dies sei ein "Sieg für die ganze Welt". Sein japanischer Kollege Nariaki Nakayama erklärte, auch sein Land habe seine "nationalen Interessen wahren" können.

Bei der Kernfusion sollen chemische Vorgänge nachgeahmt werden, wie sie auf der Sonne ständig ablaufen. Durch die Verschmelzung von Wasserstoffsorten sollen sehr große Energien frei werden. Das Projekt gilt als mögliche Energiequelle der Zukunft. Umweltschützer sorgen sich jedoch um die entstehende radioaktive Strahlung. Frankreichs Grüne erklärten, sie "bedauerten" die Wahl des ITER-Standortes Cadarache. Dadurch wolle Frankreich seine vor allem auf Atomkraft setzende Energiepolitik "legitimieren", kritisierte Parteisprecherin Cecile Duflot.

An dem auf 30 Jahre angelegten und zehn Milliarden Euro teuren ITER-Projekt sind die Europäische Union, China, Russland, Südkorea, die USA und Japan beteiligt. Die Partner hatten drei Jahre lang um den Standort für den Reaktor gerungen. Anfang Mai hatten sich die EU und Japan in einem so genannten technischen Abkommen geeinigt, dass das ITER-"Gastgeberland" die Hälfte der auf 4,6 Milliarden Euro geschätzten Baukosten tragen soll. Davon dürfte allerdings die Europäische Union 40 Prozent tragen und Frankreich zehn Prozent.

Das "Nicht-Gastgeberland" - also Japan - wird dagegen zehn Prozent der Kosten zu zahlen haben und den ITER-Chef stellen. Insgesamt soll das Projekt rund zehn Milliarden Euro kosten. Die ITER-Mitglieder werden ihren Anteil an den Kosten vor allem über Sachleistungen einbringen, etwa durch Komponenten des Systems.

EU-Forschungskommissar Janez Potocnik sagte in Brüssel, mit diesem komplexen Projekt über die Dauer von mehr als einer Generation werde bei der internationalen Wissenschaftskooperation Geschichte geschrieben. Der französische Präsident Jacques Chirac erklärte, die Wahl von Cadarache sei "ein großer Erfolg für Frankreich, für Europa und für alle ITER-Partner". Der Staatschef will den geplanten Standort am Donnerstag besuchen. Frankreichs Premierminister Dominique de Villepin sah die Entscheidung für Cadarache als Beleg dafür, "dass die EU-Länder große Projekte tragen können, wenn sie einig sind".

Möglich wurde die Standortentscheidung vor allem durch die Aushandlung umfangreicher Gegenleistungen für Japan. So wird die EU bis zu zehn Prozent ihrer ITER-Beschaffungen in Japan ordern, wie es von Seiten der EU-Kommission hieß. Die EU beteiligt sich zudem mit bis zu acht Prozent der ITER-Baukosten an der Finanzierung von Projekten in Japan. Ein japanischer Kandidat soll Generaldirektor der ITER-Organisation werden; zudem soll Japan einen höheren Anteil des Personals stellen, als es seinem Anteil an dem Projekt entspricht. Einige Hauptsitz-Funktionen sollen nach Japan ausgelagert werden. Sollte als weitere Projektphase der Bau eines Demonstrationsreaktors vereinbart werden, will die EU einen Standort in Japan unterstützen.

Die EU, China und Russland hatten hinter Cadarache gestanden, Südkorea, die USA und Japan hinter dem japanischen Standort Rokkasho-Mura. Chirac hatte bereits Anfang Mai erklärt, der ITER werde in Cadarache errichtet. Damit hatte er in Japan Verärgerung ausgelöst. Die Regierung in Tokio setzt derzeit aber unter anderem auf Frankreichs Unterstützung bei einem wichtigen außenpolitischen Ziel: einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat.

(apa/red)

28.6.2005 14:17