Mittwoch, 22. Juni 2005

Über 15 Prozent erhöht: Mehr Firmen- pleiten und Privatkonkurse im Halbjahr!

  • KSV: Heuer werden rund 7.000 Firmenpleiten erwartet

Sowohl die Unternehmensinsolvenzen als auch die Privatkonkurse sind in Österreich im ersten Halbjahr 2005 deutlich gestiegen. Die Zahl der Firmenpleiten stieg um 15,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 3.566, die Zahl der Privatkonkurse wuchs sogar um 17,9 Prozent auf 3.228.

"Der Insolvenzverlauf des ersten Halbjahrs sieht leider nicht sehr positiv aus", sagte der Geschäftsführer des Kreditschutzverbandes von 1870 (KSV), Johannes Nejedlik, am Dienstag in Wien.

Hochgerechnet auf das Gesamtjahr 2005 werden vom KSV rund 7.000 Unternehmensinsolvenzen erwartet, ein Firmensterben mit einer Rate von fast 30 Firmen pro Bankarbeitstag. Im ersten Halbjahr 2005 lagen die eröffneten Insolvenzverfahren bei Unternehmen um 5,1 Prozent über dem Vergleichszeitraum des Vorjahres, die mangels Masse abgewiesenen Konkurse um 24,2 Prozent darüber.

Die Zahl der von den Firmenpleiten betroffenen Dienstnehmer ist mit 10.500 etwa gleich geblieben, die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten sind um 15,3 Prozent von 1,169 Mrd. Euro auf 990 Mio. Euro gesunken.

Große Zuwächse in Vorarlberg, Niederösterreich und Tirol
Der Zuwachs bei den Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2005 ist laut KSV auf die Bundesländer Vorarlberg (+ 53 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum), Niederösterreich (+ 35 Prozent) und Tirol (+ 32 Prozent) zurückzuführen. Lediglich in Oberösterreich (- 2 Prozent) war ein kleiner Rückgang zu verzeichnen. In Wien (+ 5 Prozent) wurde bei der Zahl der Firmenpleiten mit 1.037 Fällen im Halbjahr die 1.000-er Marke überschritten.

Nach Branchen gereiht waren die "Unternehmensbezogenen Dienstleistungen" Spitzenreiter mit 559 Verfahren, knapp gefolgt von der Bauwirtschaft mit 543 Verfahren und dem Gastgewerbe mit ebenfalls 543 Verfahren. Gereiht nach der Summe der geschätzten Passiva hingegen führt die Bauwirtschaft mit 198,1 Mio. Euro vor Maschinen und Metall mit 128,3 Mio. Euro und den Unternehmensbezogenen Dienstleistungen mit 107,4 Mio. Euro. Die größte Pleiten waren mandl+eckl Stahl und Metallbau GmbH in Pasching (OÖ) mit 34,2 Mio. Euro, gefolgt von der Thermax-Brandschutzbauteile GmbH in Greinsfurth (NÖ) und der Power Horse International Handels GmbH in St. Veit/Glan (Kärnten) sowie Guttmann Torsysteme GmbH in Güssing (B) mit jeweils 16 Mio. Euro.

"Die Insolvenzen laufen der allgemeinen Konjunkturentwicklung etwa sechs bis neun Monate hinterher", erläuterte KSV-Geschäftsführer Nejedlik den Anstieg bei den Firmenpleiten. Das Exportwachstum des Vorjahrs habe sich offenbar für die kleinen und mittleren Unternehmen nicht insolvenzmindernd ausgewirkt. Für die Zukunft erwartet Nejedlik eine positive Auswirkung des im Vergleich mit dem Euro-Raum höheren erwarteten Wirtschaftswachstums in Österreich auf die Insolvenzstatistik: "Es kann eigentlich nur noch besser werden".

Bei den Privatkonkursen stiegen die eröffneten Insolvenzen um 13,3 Prozent, die mangels Masse abgewiesenen Konkursanträge sogar um 41,5 Prozent. Die Gesamtinsolvenzen von Privaten erreichten im ersten Halbjahr 3.228, ein Anstieg von 17,9 Prozent. Die geschätzten Insolvenzverbindlichkeiten stiegen um 14,6 Prozent auf 360 Mio. Euro. Gereiht nach Bundesländern führt Wien mit 679 Fällen vor Oberösterreich mit 591 und Niederösterreich mit 373.

Für den Leiter der Insolvenzabteilung im Kreditschutzverband von 1870 (KSV), Hans-Georg Kantner, ist der Anstieg der Privatkonkurse kein volkswirtschaftlich pessimistisches Signal, sondern bedeute angesichts von mindestens 100.000 überschuldeten Haushalten für die Betroffenen den "Beginn einer Sanierung". Rund 90 Prozent der insolventen Privaten würden nach der Sieben-Jahres-Abschöpfungsperiode schuldenfrei. Da zahlungsunfähige Privatschuldner innerhalb von drei Jahren wegen Verzugszinsen, Gebühren für Exekutionsverfahren usw. mit einer Verdoppelung ihrer Schulden rechnen müssten rate er ihnen zum Privatkonkurs. Ein Konkurs sei auch keine Schande, so Kantner: "Es kann jeden treffen. Die Wirtschaft ist wesentlich härter geworden".

Von der Bundesregierung fordert der KSV eine Senkung der Beiträge zum Insolvenzausfallsgeldfonds (IAG), der derzeit bei 0,7 Prozent der Lohnsumme liege, als Beitrag zur angestrebten Senkung der Lohnnebenkosten. Auch bei einer Halbierung des Beitrags sei der Fond nach Berechnungen immer noch positiv, führte Kantner aus. Der seit dem Jahr 2000 positiv bilanzierende Fonds werde von der Regierung für zweckfremde Entnahmen benutzt.

Österreich bei Firmenpleiten Europa-Spitze
Im internationalen Vergleich ist Österreich bei den Unternehmensinsolvenzen Europa-Spitze. Mit einer Insolvenzrate von 1,8 Prozent im Jahr 2004 liegt Österreich im Feld der westeuropäischen Länder an erster Stelle. Durchschnittlich beträgt die Insolvenzrate, also der Anteil der insolventen Unternehmen an der Gesamtzahl der Unternehmen, in Europa 0,6 Prozent, geht aus einer vom Kreditschutzverband (KSV) präsentierten Insolvenzstatistik für 2004 hervor.

Im Gesamtjahr 2004 wurden in Österreich 6.318 Firmenpleiten bei insgesamt 346.000 aktiven Unternehmen verzeichnet. Im Westeuropa-Vergleich lag hinter Österreich Luxemburg mit 1,6 Prozent Insolvenzrate an zweiter Stelle, gefolgt von Frankreich mit 1,4 Prozent und Deutschland mit 1,3 Prozent. Am unteren Ende der Skala findet sich Spanien mit abgerundeten 0,0 Prozent Unternehmensinsolvenzen (970 Fälle), Griechenland mit 0,1 Prozent (577 Fälle) und Irland mit 0,2 Prozent (326 Fälle).

Die größten Zuwächse im Vorjahr, verglichen mit 2003, verzeichneten Portugal (+ 31 Prozent) und Griechenland (+20 Prozent). Der Gesamtrückgang der Firmenpleiten in Westeuropa (- 0,3 Prozent) lässt den Zuwachs in Österreich um 12 Prozent, gepaart mit der höchsten Insolenzrate Westeuropas (1,8 Prozent) laut Hans-Georg Kantner vom KSV als "Kombinationssieg im negativen Bereich" erscheinen.

Bei einem auch Osteuropa umfassenden Vergleich der Firmenpleiten hält Österreich den Spitzenplatz gemeinsam mit Kroatien (beide 1,8 Prozent Insolvenzrate). Insgesamt gingen die Unternehmensinsolvenzen in Osteuropa im Vorjahr um 10,7 Prozent zurück.

Die osteuropäischen Länder seien jedoch auf Grund unterschiedlicher Insolvenzgesetzgebungen nur bedingt vergleichbar, wurde von KSV-Geschäftsführer Johannes Nejedlik betont. Der negative Spitzenplatz Österreichs bei der Insolvenzrate ist aus KSV-Sicht auch aus der international vergleichsweise geringen Anzahl von Unternehmen zu erklären. Gegenüber 280.000 Unternehmen vor 10 Jahren waren Ende 2004 ca. 346.000 Unternehmen in Österreich aktiv, eine jährliche Zuwachsrate von 2,4 Prozent.

(apa)

22.6.2005 14:07