Donnerstag, 23. Juni 2005

61 Jahre nach schwerem Nazi-Massaker: Lebenslänglich für Ex-SS-Soldaten in Italien

  • Richter verkündeten Urteil nach über 1 Jahr Verhandlung
  • Verurteilten droht nun auch ein Prozess in Deutschland

61 Jahre nach einem der schwersten Nazi-Massaker in Italien hat das Militärgericht in La Spezia zehn ehemalige deutsche SS-Soldaten in Abwesenheit zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Die Richter verkündeten das Urteil am Mittwoch nach über einjährigen Verhandlungen. Bei dem Verfahren ging es um die Ermordung von 560 Zivilisten im August 1944 in der toskanischen Gemeinde Sant'Anna di Stazzema.

"Wir wollen keine Rache, sondern Gerechtigkeit", kommentierte der Bürgermeister der Ortschaft, Michele Sillicani, das Urteil. "Endlich haben wir jetzt Gerechtigkeit." Auch Angehörige der Opfer äußerten sich am Abend befriedigt über das Urteil.

Die Staatsanwaltschaft hatte wegen Mordes in besonderes schweren Fällen für alle zehn Angeklagten lebenslange Haft gefordert. Die Verteidigung hatte auf Freispruch plädiert. Die ehemaligen SS- Soldaten sind heute über 80 Jahre alt und leben in Deutschland. Unter ihnen sind die ehemaligen SS-Offiziere Gerhard Sommer, Alfred Schönenberg und Ludwig Sonntag.

Die Angeklagten waren alle nicht vor Gericht erschienen, weil Deutschland keine eigenen Staatsbürger ausliefert. Allerdings ermitteln seit längeren auch deutsche Behörden wegen des Massakers in Sant'Anna.

Bei dem Übergriff durch Angehörige der SS-Panzerdivision "Reichsführer SS" kamen im August 1944 etwa 560 Zivilisten ums Leben, darunter viele Frauen und Kinder. Nach Berichten von Augenzeugen erschossen die Angehörigen der Einheit ihre hilflosen Opfer mit Maschinengewehren und warfen Handgranaten auf sie. Später seien die Leichen in Brand gesteckt worden.

Verurteilten NS-Verbrechern droht in Deutschland Prozess
Neun der in Italien wegen ihrer Beteiligung an einem Massaker im Zweiten Weltkrieg in Abwesenheit verurteilten ehemaligen SS-Soldaten könnten bald in Deutschland vor Gericht kommen. Die Ermittlungen gegen die Männer seien "relativ weit" fortgeschritten, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart am Donnerstag auf Anfrage. Zu einem möglichen Termin für den Abschluss der Ermittlungen oder den Prozessbeginn wollte sich der Sprecher allerdings nicht äußern. Wegen des hohen Alters der Beschuldigten gebe es zu viele Unwägbarkeiten vor allem in der Frage der Verhandlungsfähigkeit. Die Männer sind zwischen 81 und 86 Jahre alt.

Das Militärgericht im norditalienischen La Spezia hatte am Mittwoch zehn ehemalige SS-Männer in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Es befand die Männer für schuldig, im Jahr 1944 in dem kleinen Toskana-Dorf Sant'Anna di Stazzema an einem Massaker an 560 Zivilisten beteiligt gewesen zu sein.

Neun dieser zehn Männer werden auch von den Stuttgarter Ermittlern beschuldigt; dazu kommen fünf weitere, die in dem italienischen Prozess nicht angeklagt waren. Nach Angaben des Sprechers der Staatsanwaltschaft ist für die deutschen Behörden das größte Problem, dass sie im Gegensatz zu den Italienern die individuelle Schuld der Männer bei dem Massaker feststellen müssen. Das Urteil von La Spezia werde für das deutsche Verfahren keine Auswirkungen haben.

Das Simon Wiesenthal Center forderte vor dem Hintergrund der Verurteilung unterdessen von den deutschen Ermittlern eine Intensivierung ihrer Bemühungen. "Das Urteil aus La Spezia zeigt, dass es nach wie vor möglich ist, NS-Verbrecher zu bestrafen", erklärte Efraim Zuroff, Leiter des Wiesenthal Centers in Jerusalem.

Ermöglicht wurden sowohl der italienische Prozess als auch die Stuttgarter Ermittlungen durch den spektakulären Fund von 695 Akten Mitte der 90er Jahre, die weiteren Einblick in die von Nationalsozialisten und Faschisten begangenen Gräueltaten boten. Die Akten lagen in einem Metallschrank im Keller des Palazzo Cesi, dem Militärtribunal in Rom. Das Möbelstück, das mit den Türen zur Wand stand, wurde anschließend "Schrank der Schande" genannt. (apa)

23.6.2005 16:54