Samstag, 18. Juni 2005

Britische Dokumente enthüllen: USA hatten nie Konzept für Zeit nach Irak-Krieg

  • Es gab ernste Zweifel an Massenvernichtungswaffen
  • Blair wollte aber Bush auf alle Fälle unterstützen

Die USA haben laut Londoner Regierungsdokumenten nie einen klaren Plan für die Zeit nach dem Sturz des irakischen Staatschefs Saddam Hussein gehabt. Dem britischen Premier Tony Blair und seinen Spitzenberatern war dies schon ein Jahr vor der Militäraktion gegen Bagdad bekannt, wie aus acht vertraulichen Protokollen hervorgeht, die jetzt an die Öffentlichkeit gelangten. Darin werden auch ernsthafte Zweifel an der Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen geäußert.

Schon im März 2002 stellte der britische Außenminister Jack Straw einem der Papiere zufolge die Frage, wie im Irak künftig Stabilität erzielt werden solle. Die USA seien zwar entschlossen, Saddam Hussein zu stürzen, um nach eigener Aussage einem Einsatz von Massenvernichtungswaffen vorzubeugen. Doch über die Zeit danach hätten sie sich wenig Gedanken gemacht. "Der Irak hat keine demokratische Tradition, also kann man hier nicht auf Gewohnheit oder Erfahrung aufbauen", gab Straw in einer Notiz für Blair zu bedenken.

In einem Memorandum vom Juli 2002 berichtet der damalige britische Geheimdienstchef Richard Dearlove von seinem kurz zuvor erfolgten Besuch in Washington. Demnach wollte US-Präsident George W. Bush Saddam Hussein auf jeden Fall aus dem Amt entfernen. Die Geheimdienstinformationen und Fakten seien dann so präsentiert worden, dass sie dieses Ziel unterstützten.

Straw sagte dem Protokoll zufolge, ein Angriff auf den Irak sei für Bush damals lediglich noch eine Frage der Zeit gewesen. "Aber die Beweislage war dünn. Saddam hat seine Nachbarn nicht bedroht, und sein Potenzial für Massenvernichtungswaffen war geringer als das von Libyen, Nordkorea oder dem Iran", betonte der britische Außenminister.

In einem früheren Dokument des Außen- und Verteidigungsministeriums heißt es in ähnlicher Manier, die Gefahr, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen einsetzen könnte, sei derzeit nicht größer als in all den Jahren zuvor. Doch Blair war den Unterlagen zufolge trotz aller Bedenken über das unzureichende Beweismaterial entschlossen, Bush zu unterstützen. Seine Berater wiesen deshalb darauf hin, dass die britische Öffentlichkeit zunächst von der Notwendigkeit eines Militärschlags überzeugt werden müsse. Dies werde allerdings noch einige Zeit in Anspruch nehmen.(apa/red)

18.6.2005 14:44