Freitag, 17. Juni 2005

"Ivan Ivanov" gefasst: Wiener U-Häftling halbes Jahr nach Flucht in Bulgarien erwischt

  • Vermeintlicher Verfahrenshelfer verhalf zur Flucht
  • Sieben Hausdurchsuchungen, 14 weitere Festnahmen

Ein knappes halbes Jahr nach seiner Aufsehen erregenden Flucht aus der U-Haft im Wiener Landesgericht ist ein mutmaßlicher Kopf einer international tätigen Fälscherorganisation in Bulgarien verhaftet worden. Der Mann, der bei den österreichischen Behörden bis dahin unter seinem Aliasnamen Ivan Ivanov bekannt war, entpuppte sich als ein 44-jähriger ukrainischer Staatsbürger, der sich weiterer falscher Identitäten bediente.

Dimitri Dimitrowitsch K. alias Ivan Ivanov wurde nach Angaben der Polizei Mittwoch früh in dem Dorf Kozarsko bei Plovdiv gefasst. Zeitgleich wurden in Bulgarien und in Wien jeweils sieben weitere Haftbefehle vollstreckt. Dabei wurden in beiden Ländern insgesamt mehr als 30 Hausdurchsuchungen durchgeführt, bei denen unter anderem gefälschte Dokumente und Kreditkarten sowie Computer samt Zubehör sichergestellt wurden.

K. war mit Hilfe eines vermeintlichen Verfahrenshelfers am 13. April im Wiener Landesgericht entkommen, nachdem er dort seit Februar in U-Haft gesessen war. Im Zuge der ersten Festnahme hatte die Polizei Falschgeld im Nennwert von 100.000 Euro sichergestellt. Die Gruppierung galt damals in Österreich als zerschlagen, hat sich nach der Flucht von K. aber "wie der Phönix aus der Asche" wieder erhoben, wie der zuständige Wiener Staatsanwalt Georg Krakow mitteilte.

"Die Organisation hatte ihren Sitz in Bulgarien und wurde wie ein Familienunternehmen geführt", sagte Krakow. Die Ermittler gehen von mindestens 200 Mitgliedern aus, die netzwerkartig organisiert waren und äußert flexibel arbeiteten. "Sie schickten ihre Leute heute nach Österreich und morgen in die Niederlande", erläuterte Krakow. In Bulgarien seien "körbeweise gefälschte Dokumente" sichergestellt worden.

Bei den sieben Hausdurchsuchungen in Wien fand die Polizei unter anderem eine DVD, mit deren Hilfe - wie aus der Aufschrift hervorgeht - dänische, portugiesische, französische oder belgische Reisepässe und Führerscheine, aber auch Kundenkarten heimischer Banken hergestellt werden können. "Blüten" in größerem Umfang wurde nicht gefunden.

Die Organisation gilt als äußerst professionell, sie hatte ursprünglich falsche 50-, 200- und 500-Euro-Banknoten in hervorragender Qualität hergestellt. "Besseres Falschgeld ist in Österreich nie mehr aufgetaucht", sagte ein Ermittler.

Ermittlungen sind noch längst nicht abgeschlossen, und die Kriminalisten müssen sich mit einer ganzen Palette an Delikten befassen. So hat die Organisation in Österreich zum Beispiel reihenweise Handys angemeldet und dadurch einen Schaden von 55.000 Euro angerichtet.

Zur Ausforschung des geflüchteten U-Häftlings hatten die österreichischen und bulgarischen Behörden eine eigene Task Force aufgestellt. Unterstützt wurden die Ermittlungen durch Europol und - auf gerichtlicher Ebene - durch Eurojust unterstützt. Mit der Auslieferung von K. an Österreich rechnet Krakow in einigen Wochen. Weiterhin verschwunden ist übrigens der Fluchthelfer des 44-Jährigen. (apa/red)

17.6.2005 09:56