Donnerstag, 9. Juni 2005

Grasser vs. NEWS: Zeitschrift wegen
"Kuss-Fotos" zu 7.000 Euro Strafe verurteilt

  • Grund: Soll 'persönlichen Lebensbereich' verletzt haben
  • Zeitschrift hat Berufung eingelegt. Plus: IHRE MEINUNG!

NEWS ist am Mittwoch im Wiener Landesgericht wegen der Veröffentlichung von umstrittenen "Schmuse-Bildern", die Finanzminister Karl-Heinz Grasser beim Zärtlichkeitsaustausch mit der Kristall-Erbin Fiona Swarovski am Pariser Flughafen Charles de Gaulle zeigten, zu einer Entschädigung von 7.000 Euro verurteilt worden. Die Bilder hätten Grassers höchst persönlichen Lebensbereich verletzt und ihn öffentlich bloß gestellt, stellte Richter Friedrich Forsthuber in der Urteilsbegründung fest.
NEWS wird das Urteil in allen möglichen Instanzen bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg bekämpfen.

Der Herausgeber der Zeitschrift NEWS, Wolfgang Maier, zum Urteil:

1) Ein Politiker, der sein Privatleben derart demonstrativ öffentlich zur Schau stellt wie zuletzt Finanzminister Karl Heinz Grasser am Pariser Flughafen, stellt sich selbst außerhalb der schützenswerten Privatsphäre.

2) NEWS wird das Urteil daher in allen möglichen Instanzen bis hin zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg bekämpfen, um damit eine dringend fällige moderne Grundsatzentscheidung für alle österreichischen Medien durchzusetzen.

Finanzminister wurde 50 Minuten einvernommen: Seine Aussage
Knapp 50 Minuten hatte der Richter den Finanzminister zum Zustandekommen der unscharfen, verwackelten Fotos vernommen, die sich für Forsthuber als Abbildung "einer Kuss-Szene, die weit über eine normale hinausgeht, nämlich eine Kuss-Szene im Rahmen einer Liebesbeziehung" darstellten.

Grasser betonte, er habe nicht mitbekommen, dass er damals fotografiert bzw. gefilmt wurde: "Ich fühlte mich sehr privat. Ich habe weder damit gerechnet noch rechnen können. Ich hätte aus beruflichen und privaten Gründen alles getan, um es zu vermeiden."

Auf den NEWS zugespielten Bildern und einem ebenfalls heimlich mitgeschnittenen, vier Minuten langen Film ist zu sehen, wie der Finanzminister Fiona Swarowski nicht bloß flüchtig küsst. Er war damals noch mit Natalia Corrales-Diez, einer ehemaligen Praktikantin im Finanzministerium, verlobt.

"Ich lege größten Wert auf das Wahren meiner Privatsphäre", bemerkte Grasser. Er habe daher "kein Interesse, eine Veröffentlichung aus meinem Privatleben zu erfahren".

Der Minister verbrachte nach eigenen Angaben mit Fiona Swarowski Mitte März ein privates Wochenende in Paris. Man sah sich Museen an, ging Abendessen, setzte sich vor dem Heimflug im Flughafen-Areal eine halbe Stunde in eine Bar. "Zum mehr oder weniger Kaffee trinken", wie er dem Gericht erklärte.

Dabei nahm Grasser seine Begleiterin auf den Schoß. Eine Kellnerin wurde gebeten, "für unsere privaten Zwecke eine Aufnahme zu machen", so Grasser.

Dass er dabei angeblich von einer Wiener Schulklasse und österreichischen Touristen beobachtet und - so zumindest NEWS - ebenfalls fotografiert wurde, habe er erst wenige Stunden vor der Veröffentlichung des NEWS-Artikels erfahren, sagte der Minister. Dabei habe er "völlig unmissverständlich" betont, dass er das nicht wolle. Die Info-Illustrierte habe daraus aber "eine Skandal-Geschichte im Boulevard-Stil" gemacht.

Das habe sich beruflich und privat ausgewirkt, führte Grasser weiter aus. Wenige Wochen später hätten ihn und die Kristall-Erbin bei einem Aufenthalt auf Capri 15 bis 20 Fotografen "hinter Bäumen, zwischen Sträuchern, am Meer" belagert: "Man hat nicht einmal die Türe aufgebracht! Ein unglaublicher Eingriff ins Privatleben!"

NEWS habe "eine Welle der Berichterstattung über mein Privatleben losgetreten, die ich so nicht gekannt habe und verurteile", klagte Grasser.

Grasser zeigte sich nach der Verhandlung hochzufrieden, "weil man mir in völlig niveauloser Weise in mein Privatleben eingegriffen hat", wie er den zahlreich erschienenen Journalisten erklärte. Das Gericht habe festgestellt, "dass auch ein Finanzminister ein Recht auf ein Privatleben hat".

Klage auch gegen Bild?
Diese war zuletzt in mit entsprechendem Bild-Material versehenen Artikeln des deutschen Massenblattes "Bild" gegipfelt. Zumindest gegen die zuletzt erschienenen Fotos dürfte Grasser nun ebenfalls rechtliche Schritte in die Wege leiten, wie sein Anwalt Michael Rami im Gespräch mit der APA erklärte: "Ich prüfe das derzeit. Eine Klage ist wahrscheinlich."

(apa/red)

9.6.2005 12:35