Mittwoch, 1. Juni 2005

Robert Menasse: Feuer auf dem Dach

  • Exklusiv: Menasses umkämpftes Stück zum Nachlesen

Robert Menasse: Dem Burgtheater zu heiß, jetzt in NEWS: Was im „Paradies der
Ungeliebten“ steht. Szene für Szene.

Zum Wochenende geriet die Causa ins Sieden: Der Autor Robert Menasse hatte Burgtheaterdirektor Klaus Bachler, den „gottverdammten Lügner“, im NEWS-Interview zum ebenso vorzeitigen wie augenblicklichen Abgang an die Münchner Oper aufgefordert. Bachler brüllte zurück: Menasse sei „durchgedreht“ und wolle ihn des Landes verweisen. Der Anlass des Zerwürfnisses war zum ersten Mal vor vier Monaten in NEWS nachzulesen: Menasses Schauspiel „Das Paradies der Ungeliebten“ wurde von Bachler anno 2000 bestellt, nach Erhalt aber nicht und nicht gespielt. Am 12. Mai berichteten wir von der endgültigen Stornierung des Projekts. Das Stück sei „kabarettistisch“, argumentierte der Direktor, habe keine Brisanz mehr. Die meisten aber argwöhnten, es sei dem Direktor im Gegenteil viel zu heiß.
Überprüfbar war beides nicht: Am Wochenende beklagten sich österreichische und auswärtige Medien übereinstimmend, „Das Paradies der Ungeliebten“ werde unter strengem Verschluss gehalten. Dort spürten wir es auf und können es nun unseren Lesern zur Begutachtung exzerpieren.

Wer „Das Paradies der Ungeliebten“ für die kabarettistische Aufarbeitung der schwarz-blauen Machtübernahme anno 2000 hält, hat ein Problem im zweistelligen intellektuellen Dioptrienbereich. Gewiss: Es geht um einen dekadenten roten Kanzler und seinen Spin-Doctor; um einen schwarzen Vizekanzler und seine Beraterin, die später vermutlich Außenministerin wird; um einen rechtsradikalen Leder-Feschak, dem das Volk in Rudeln zuläuft, und seinen brutalen Wirtschaftsexperten „Prinsen“; um einen Schauspieler, der Kunstminister wird. Aber abgesehen davon, dass die Personen die Namen der dänischen Fußballeuropameistermannschaft von 1992 tragen: Zu Zeiten der kollabierenden deutschen Regierung, der erstarkenden Nazis und der europäischen Demokratiekrise ist „Das Paradies der Ungeliebten“ ein Werk von visionärer Gewalt, mit prachtvollen Figuren und einer an Karl Kraus erinnernden Dramaturgie. Es nimmt an den heimischen Zwergen Maß, um eine riesenhafte Katastrophe von Shakespeare’schen Ausmaßen zu exemplifizieren.

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PLUS: Exklusiv: Menasses umkämpftes Stück zum Nachlesen

1.6.2005 17:20