Blutiger Bombenanschlag in Beirut: Prominenter libanesischer Journalist getötet
- Samir Kassir war bekannt für vehemente Syrien-Kritik
- Das war erstes Attentat seit syrischem Truppen-Abzug
Mitten im libanesischen Wahlkampf ist am Donnerstag in Beirut ein prominenter Journalist und Syrien-Kritiker durch einen Sprengstoffanschlag ums Leben gekommen. Der gebürtige Palästinenser Samir Kassir war Kommentator der angesehenen Tageszeitung "An-Nahar". Eine Frau, die mit ihm im Wagen saß, wurde nach Polizeiangaben schwer verletzt. Der Anschlag ereignete sich in dem überwiegend von Christen bewohnten Stadtteil Achrafieh in Ost-Beirut.
Die Explosion, die keine größeren Schäden an umliegenden Gebäuden anrichtete, löste Panik aus. Menschen liefen durch die Straßen. Ministerpräsident Najib Mikati, der sofort zum Tatort eilte, sprach von einem "Angriff auf die Freiheit" und sagte: "Wir werden alles tun, um die Schuldigen zu finden, die versuchen, den Frieden in diesem Land zu gefährden." In den vergangenen Monaten hatte es mehrere Explosionen in christlichen Vierteln der Hauptstadt gegeben. Die Täter wurden nicht gefasst. Der Anschlag vom Donnerstag ist der erste Terrorakt seit dem Abzug der syrischen Armee aus dem Libanon Ende April.
Kassir hatte das Baath-Regime in Damaskus und die syrische Libanon-Politik wiederholt kritisiert und vor einem Ausgleich zwischen Syrern und Amerikanern auf dem Rücken der Libanesen gewarnt. Sein Bruder Sleimane Kassir vermutete einen Zusammenhang mit den anti-syrischen Veröffentlichungen des Journalisten. Der Tote habe sein Leben lang in Gefahr gelebt: "Er schrieb alle seine Artikel gegen Syrien", sagte sein Bruder.
Am 14. Februar war Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri mit 20 weiteren Menschen einem Autobombenanschlag in Beirut zum Opfer gefallen. Dies hatte anhaltende Massenproteste gegen Syrien hervorgerufen.
Wahlkampf erhitzt den ganzen Libanon
Vor der zweiten Etappe der Parlamentswahl hat der christliche Führer der antisyrischen "Freien Patriotischen Bewegung" (CPL), Ex-General Michel Aoun, unterdessen eine Allianz mit den drusischen Gegnern von Oppositionsführer Walid Joumblatt, dem Chef der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP), gebildet. Gleichzeitig vermeidet der Anfang Mai aus dem Exil heimgekehrte ehemalige Armeechef Aoun jede Konfrontation mit der schiitischen Hisbollah, an welche er ein Kooperationsangebot gerichtet hat. Die Wahlen haben am vergangenen Sonntag begonnen und werden an den drei folgenden fortgesetzt.
Umstrittenes Wahlbündnis
Wie Aoun ankündigte, hat er ein Wahlbündnis mit dem schärfsten Konkurrenten Joumblatts innerhalb der drusischen Gemeinschaft, dem Abgeordneten Talal Arslan, im Wahlbezirk Aley-Baabda geschlossen, wo am 12. Juni gewählt wird. Als Hauptziel der Allianz bezeichnete Aoun die Bekämpfung der Korruption und die Reform des politischen Konfessionalismus. In dem Wahlkreis zeichne sich damit eine äußerst knappe Entscheidung ab, wie politische Beobachter erklärten.
Die erste Wahl-Runde hatte die Liste von Hariris Sohn Saad gewonnen. Sein multikonfessionelles Wahlbündnis "Bewegung für die Zukunft" eroberte alle 19 Beiruter Sitze. Die Beteiligung an den ersten Wahlen nach dem Ende der fast dreißigjährigen syrischen Militärpräsenz im Land betrug allerdings nur 27 Prozent.
(apa/red)
