Nach dem Nein der Franzosen & Holländer:
EU-Länder stehen noch immer unter Schock
- Suche nach einem Ausweg und gemeinsamem Nenner
- Großbritannien und Irland wollen Referenden absagen
·Krisen der EU & wie
sie gelöst wurden
Klicken: Frankreich schon mehrmals verantwortlich
·Ferrero: Nein-Voten "großer Rückschlag"
Kommissarin stellt weitere
Erweiterungen in Frage
·Nächste Neins zur Verfassung drohen
40 % der Dänen und 34% der Tschechen dagegen
·EU-Verfassung: FPÖ
plant Volksbegehren
Votum soll auch über EU-Beitritt der Türkei richten
·NL-Nein: Schlag- abtausch FPÖ & BZÖ
Parteien greifen einander per Aussendung frontal an
·Lettland ratifiziert die EU-Verfassung
Notwendige Zweidrittel-mehrheit klar übertroffen
·Österreich gegen die EU-Verfassung
Umfrage: 43 % dagegen. F-Nein für 36 % erfreulich
·In diesen Staaten wackelt Verfassung
KLICKEN: Nach F und NL
drohen mehr Ablehnungen
Auch Tage nach der Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und den Niederlanden sitzt der Schock darüber bei den Regierungen tief. Allen gemeinsam ist die Suche nach Lösungen, dabei mehren sich die Stimmen für ein Aussetzen des Ratifizierungsprozesses. Die deutsche Bundesregierung plädierte für eine Nachdenkpause und eine Grundsatzdebatte in der Europapolitik. Dies ändere nichts an der Notwendigkeit, den Ratifizierungsprozess in allen EU-Ländern fortzusetzen, hieß es am Freitag aus Regierungskreisen in Berlin.
Österreichs Bundespräsident Heinz Fischer hält hingegen eine gesamteuropäische Volksabstimmung über die EU-Verfassung unter gewissen Voraussetzungen für sinnvoll. Nationale Referenden hätten beträchtliche Nachteile, meinte er am Freitag beim Gemeindetag in Oberwart. Die Tatsache, dass ein solches Referendum nicht vorgesehen sei, sei kein Grund, nicht zu überlegen, ob man eine solche Möglichkeit schaffen sollte. Bei den jüngsten Referenden sei die EU-Verfassung zum "Blitzableiter" für "Unbehagen, Unsicherheit und auch Unzufriedenheit" mit aktuellen Entwicklungen geworden. Man sollte aber das europäische Projekt "nicht zum Sündenbock" für Unbehagen in anderen Bereichen der Politik machen, sagte Fischer.
Großbritannien will Referendum absagen
Der britische Außenminister Jack Straw wird nach übereinstimmenden Presseberichten am kommenden Montag im Unterhaus ankündigen, dass Großbritannien sein geplantes Referendum auf unbestimmte Zeit aufschiebt. Premierminister Tony Blair wird am 13. Juni mit dem deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder in Berlin zusammenkommen. Am morgigen Samstag spricht Schröder in Berlin mit Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac. Schröder setzte sich nach dem Nein der Franzosen und Niederländer für ein Treffen der sechs EU-Gründerstaaten in Berlin ein. Nach Angaben aus Berlin lehnte dies der niederländische Ministerpräsident Jan Peter Balkenende jedoch ab.
Auch Irland will auf Referendum verzichten
Die irische Regierung erwägt offenbar, auf das geplante Referendum über die EU-Verfassung nach dem Scheitern der Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden zu verzichten. Die Zeitung "Irish Times" berichtete am Freitag, Außenminister Dermot Ahern habe auf die Frage von Journalisten nach der Zukunft des irischen Referendums geantwortet: "Das kann ich nicht sagen. Wir müssen die Ergebnisse des Europäischen Rats Mitte Juni abwarten".
Aufruf zur Geschlossenheit
Der luxemburgische EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker rief die EU-Staaten zu Geschlossenheit auf. Die Ratifizierung müsse weitergehen. Im Hinblick auf das luxemburgische Referendum am 10. Juli sagte Juncker, er werde wie bereits angekündigt als luxemburgischer Regierungschef zurücktreten, falls die Verfassung von der Bevölkerung seines Landes abgelehnt werde.
Eine "Anregung" zur Lösung der EU-internen Krise nach dem Nein zur europäischen Verfassung bei den Referenden in Frankreich und den Niederlanden schlägt der österreichische Grüne Europaabgeordnete und Vizepräsident des Verfassungsausschusses, Johannes Voggenhuber, vor: So könnte der Verfassungskonvent, der ursprünglich das Grundgesetz ausgearbeitet hat, wieder einberufen werden, "um substanziell auf die Botschaften der Bürger einzugehen", schlug Voggenhuber vor. Zunächst müsse aber der Ratifizierungsprozess in allen Mitgliedstaaten fortgesetzt werden.
Die Regierung Portugals schließt indes nicht aus, dass der gesamte Ratifizierungsprozess auf Eis gelegt wird. "Es könnte passieren, dass die 25 Länder (bei dem kommenden EU-Gipfel am 16. und 17. Juni) um den Tisch herum sitzen und im Konsens, ohne Druck von irgendwem zu dem Schluss kommen, dass es das Beste ist, den Prozess zu stoppen", sagte der portugiesische Außenminister Diogo Freitas do Amaral. Den Vorschlag des früheren portugiesischen Ministerpräsidenten Anibal Cavaco Silva, den Ratifizierungsprozess zwei Jahre lang einzufrieren, lehnte Freitas do Amaral jedoch ab.
Schweden gegen Änderngen am Verfassungsentwurf
Der schwedische Ministerpräsident Göran Persson ist für einen sofortigen Stopp des Ratifizierungsprozesses der EU-Verfassung in seinem Land, sollte irgendein EU-Land eine Neuverhandlung wünschen. "Sobald wir eine derartigen Hinweis erhalten, brechen wir natürlich den Ratifikationsprozess ab", sagte Persson in einem Interview mit der Tageszeitung "Dagens Nyheter" (Freitagsausgabe). Es sei "sinnlos, weiterzumachen und zu etwas Stellung zu beziehen, das andere schon abgehakt haben".
Die bisherige klare Mehrheit der dänischen Bevölkerung für die EU-Verfassung bei Umfragen ist durch das Nein in Frankreich und den Niederlanden gekippt. Wie die Zeitung "Berlingske Tidende" am Freitag berichtete, sprachen sich nun 38 Prozent gegen und 34 Prozent für den Verfassungsvertrag aus. Zwei Wochen vorher hatte die Ja-Seite mit 45 zu 25 Prozent vorn gelegen. Bei der jüngsten Umfrage waren zehn Prozent der befragten Dänen noch unentschieden. 16 Prozent gaben an, sie wollten der für den 27. September geplanten Volksabstimmung fernbleiben.
(apa)
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