NEWS: Feuer auf dem Dach! Autor Robert Menasse ist dem Burgtheater zu heiß!
- Szene für Szene: Was im Paradies der Ungeliebten steht
Zum Wochenende geriet die Causa ins Sieden: Der Autor Robert Menasse hatte Burgtheaterdirektor Klaus Bachler, den gottverdammten Lügner, im NEWS-Interview zum ebenso vorzeitigen wie augenblicklichen Abgang an die Münchner Oper aufgefordert. Bachler brüllte zurück: Menasse sei durchgedreht und wolle ihn des Landes verweisen. Der Anlass des Zerwürfnisses war zum ersten Mal vor vier Monaten in NEWS nachzulesen: Menasses Schauspiel Das Paradies der Ungeliebten wurde von Bachler anno 2000 bestellt, nach Erhalt aber nicht und nicht gespielt.
Am 12. Mai berichteten wir von der endgültigen Stornierung des Projekts. Das Stück sei kabarettistisch, argumentierte der Direktor, habe keine Brisanz mehr. Die meisten aber argwöhnten, es sei dem Direktor im Gegenteil viel zu heiß.
Überprüfbar war beides nicht: Am Wochenende beklagten sich österreichische und auswärtige Medien übereinstimmend, Das Paradies der Ungeliebten werde unter strengem Verschluss gehalten. Dort spürten wir es auf und können es nun unseren Lesern zur Begutachtung exzerpieren.
Wer Das Paradies der Ungeliebten für die kabarettistische Aufarbeitung der schwarz-blauen Machtübernahme anno 2000 hält, hat ein Problem im zweistelligen intellektuellen Dioptrienbereich. Gewiss: Es geht es um einen dekadenten roten Kanzler und seinen Spin Doctor; um einen schwarzen Vizekanzler und seine Beraterin, die später vermutlich Außenministerin wird; um einen rechtsradikalen Leder-Feschak, dem das Volk in Rudeln zuläuft, und seinen brutalen Wirtschaftsexperten Prinsen; um einen Schauspieler, der Kunstminister wird.
Aber abgesehen davon, dass die Personen die Namen der dänischen Fußballeuropameisterschaftsmannschaft 1992 tragen: Zu Zeiten der kollabierenden deutschen Regierung, der erstarkenden Nazis und der europäischen Demokratiekrise ist Das Paradies der Ungeliebten ein Werk von visionärer Gewalt, mit prachtvollen Figuren und einer an Karl Kraus erinnernden Dramaturgie. Es nimmt an den heimischen Zwergen Maß, um eine riesenhafte Katastrophe von Shakespeareschen Ausmaßen zu exemplifizieren.
1. Szene. Das Haus des populistischen Oppositionsführers Peter Schmeichel, der mit seinem arabischen Haushälter Achmed eine innige Wohngemeinschaft zu pflegen scheint. Schmeichel bereitet sich auf ein Benefiz-Tennisturnier mit dem konservativen Vizekanzler Claus Christiansen vor. Schmeichel ist ein geblähter Dressman, Achmed der Intellektuelle im Hintergrund. Die beiden unterhalten sich unter anderem über den sozialdemokratischen Kanzler Flemming (genannt: Lemming) Povlsen. Achmed: Idiot, Monsieur. Wie fett und sein Gesicht wird immer röter vom Rotwein, aber die rote Fahne wird immer bleicher und blasser, bald ist sie so weiß wie die Fahne, wenn man sich ergibt.
2. Szene. Die Redaktion der linken Zeitschrift Agora (lateinisch: Forum). Brian Laudrup, der Herausgeber, und sein Mitarbeiter Torben Frank. Ihr Kollege Morten Bruun wurde von Unbekannten ins Koma geprügelt. Laudrup: Du weißt, daß Morten in der Schmeichel-Partei recherchiert hat? Und genau da wird er rein zufällig von unpolitischen Rowdies zusammengeschlagen, denen gerade fad war? Ja, das wird sich herausstellen wie vor ein paar Wochen, als der jüdische Friedhof geschändet worden ist. Da hat sich auch herausgestellt: Die Tat hatte keinen politischen Hintergrund. Sagt die Polizei. Agora hat auch anderweitige Sorgen: Die Sozialdemokraten, die schon ihre Parteizeitung liquidiert haben, verweigern weitere Zuschüsse.
3. Szene. Lars Olsen, ein Schmierenkomödiant, ist Kulturpolitiker geworden und bläht sich vor dem Spiegel. Den Monolog, der Shakespeare-Zitate und Sätze aus Interviews des Kunst-Staatssekretärs Franz Morak enthält, haben wir in NEWS 05/05 abgedruckt.
4. Szene. Redaktion der Agora. Laudrup und Frank studieren die Homepage des Verwandlungskünstlers Schmeichel. Sie kommen darauf, dass ein Pamphlet mit Schutz Staffel (SS) gezeichnet ist.
5. Szene. Kanzleramt. Kanzler Flemming Povlsen (SP) belästigt seine Sekretärin Hanni Villfort: Er diktiert ihr einen an sie gerichteten Liebesbrief, in dem er seine Ehe als irreparabel diagnostiziert. Der Kanzler ist depressiv. Sein Berater Henrik Andersen, den man einen Spin doctor nennen könnte, betritt in Sorge die Szene.
6. Szene. Laudrup in seinem Arbeitszimmer. Er studiert die Richtlinien der UNO: Die Ermordung eines Diktators oder Tyrannen, sei er durch Putsch, Staatsstreich oder selbst druch demokratische Wahlen in Position eines Gesetzgebers gekommen, unterliegt nicht dessen von ihm in Terrorherrschaft selbst gegebenen Gesetzen, sondern dem Völkerrecht-Notwehrparagraph. Ein alter Mann, eine Frau, zwei Kinder betreten wie Shakespeare-Hexen die Szene: Sie fordern Laudrup auf, Schmeichel zu töten.
7. Szene. Schmeichels Boudoir. Der Politiker eilt in den Wahlkampf. Achmed: In zehn Minuten ist das Volk besoffen. Dreißig Minuten, und es deliriert. Das Auto steht bereit. Schmeichel erzählt von seinem Vater, dem Nazi, der nach dem Krieg plötzlich nichts mehr war, nur ein liebender Vater, der dem Sohn die Liebe bewies, indem er an seinem Glied saugte. Dieser Mann durfte nicht arbeiten, nicht wählen, nicht nützlich sein. Aber die Nutzlosen! Wo sind sie denn heute? Die Achtundsechziger? Zuerst waren sie ihren Eltern nicht treu, jetzt sind sie sich selbst nicht treu, so wie auch ihre Eltern sich selbst nicht treu geblieben waren.
8. Szene. Wohnzimmer von Kommerzialrat Kim Christofte, Laudrups Schwiegervater. Laudrups bevorstehender Konkurs beunruhigt den Alten. Der will im nachhinein Gütertrennung in den Ehevertrag schreiben. Er hat die Ehe mit dem Juden nie gutgeheißen. Laudrup: Und die Scheidung ist dann erst der nächste Schritt, und was dann? Deportation oder was? Soll ich unterschreiben, dass ich die Behandlung durch die Gestapo nur jedermann empfehlen kann? Soll ich nicht doch in die Küche und den Gashahn aufdrehen? Fünf Doppelgänger Christoftes sprechen einen Shakespeareschen Chor der alltäglichen Niedertracht.
9. Szene. Vizekanzler Christiansen erzählt seiner engsten Mitarbeiterin Dr. Pia Piechnik, wie das ist, wenn man für etwas geboren ist und es mehr als alles andere werden will. Er will Kanzler werden, doch dafür muss er die Seele an Schmeichel verkaufen. Piechnik zerstreut seine Zweifel: Du hast deinen Zweifeln menschlich genüge getan, indem du sie gehabt, indem du sie tief empfunden hast. Olsen stürzt in den Raum. Er hat von einem Geheimpakt mit Schmeichel gehört und protestiert: Ich habe Ihnen Stimmen gebracht und Sympathiepunkte, weil ich als Künstler gegen die sozialistische Kulturhegemonie - ich meine,ich steh doch nicht auf gegen Hegemonie und spiele dann mit bei einem Pakt mit den Faschisten! Christiansen und Piechnik, die ihn verachten, stellen ihn ruhig: Sie machen ihm zum Minister.
10. Szene. Povlsen, Frau Villfort und Spin doctor Andersen arbeiten an einer mehrseitigen Fotostrecke mit roten Boxhandschuhen für das Cover von Bros.
11. Szene. Schmeichel, in Jeans und Lederjacke, polemisiert von der Rednertribüne gegen Altparteien, Völkerwanderungen und gewisse Kreise der Ostküste. Das Volk tobt: -treu! Bei-unsrer-Ehr! Laudrup in der Menge: Jetzt wäre es ganz leicht. Gib mir irgendeine Waffe, eine Pistole, ein Messer, und - schau dir das an! Es gibt kein anderes Mittel gegen den Rechtspopulismus. Frank: Alle sind Rechtspopulisten. Auch die linken. Und jetzt komm! Schnell weg da!
12. Szene. Kanzler Povlsen hat Frau Villfort zum Seitensprung in ein billiges Hotelzimmer gebracht. Er erzählt von der Schlangenfarm Paradies der Ungeliebten irgendwo im Süden Dänemarks.
13. Szene. Redaktion der Agora. Laudrup und Frank sind dem Überfall auf ihren Kollegen Morten Bruun auf der Spur: Er hat gegen Jonathan Prinsen recherchiert, Schmeichels Wirtschaftssprecher, der in die Regierung will, um das dänische Aktienkapital zu kontrollieren. Das wird die radikalste Umverteilung sein, die dieses Land jemals erlebt hat. Und zunächst wird es keiner merken. Es wird laufen unter Schlagwörtern wie Parivatisierung, Strukturreform, Europa-Fitness und so weiter. Laudrup will Schmeichel mit dem eigenen messianischen Anspruch töten: Wer Schmeichel ausschalten will, muß genau diesen Anspruch haben: dass er mit seiner Tat die Welt rettet, ein Erlöser ist und er wird einer sein. Zwei Polizisten treten auf und nehmen Laudrup fest.
14. Szene. Povlsen hat aufgegeben. Berater Andersen ist zur Therapiestunde in die Kanzlervilla geeilt. Du hast mich nicht verstanden, Henrik! Ich bin nicht erschöpft. Ich bin tot. Es geht mir ausgezeichnet. Laß mich Stahlwerke managen, einen Autokonzern leiten, und ich verdreifache die Dividenden. Da solltest du mich sehen. Du würdest glauben, ich steh unter Strom. Aber politisch bin ich tot. Ich bin politisch tot. Povlsen erzählt von den Entbehrungen seiner Kindheit. Er versteht die Welt nicht mehr: Die Sozialdemokraten haben den Wählern alle Wohltaten hinterhergeworfen und werden von den Empfängern der Wohltaten zum Teufel gejagt.
15. Szene. Das Zimmer des Vizekanzlers. Christiansen und Frau Piechnik (sie in der Hundestellung auf allen Vieren, der Vizekanzler hinter ihr) vollziehen ein perverses Buß- und Bet-Ritual zu den Confessiones des Heiligen Augustinus. Olsen tritt auf, kniet neben den beiden nieder und betet mit.
16. Szene. Schmeichels Haus. Schmeichel und Achmed. Der Chef der Staatspolizei, ein Sympathisant, hat sich zum Rapport angesagt. Achmed empfiehlt für das Gespräch Military Look mit Schnürstiefeln: Soll Polizechef vielleicht heimgehen ins Hauptquartier und erzählen, Herr Schmeichel hat Hausschuh in rosa Plüsch mit vorn drauf Gesicht von Schwein? Man wird fragen: Und hat Herr Schmeichel auch Ringelschwänzchen? Man wird sagen: Hausschweinschuh soll vielleicht Abschreckung sein gegen illegale Moslem, die nach Dänemark kommen. Man wird sagen: Schmeichel will Ausländern Tritt in Hintern geben mit Hausschuh aus Plüsch! Stapo-Chef Nielssen berichtet: Laudrup hat hat per Inserat einen unrettbar AIDS-Kranken gesucht, der nichts mehr zu verlieren hat und einen rechten Führer erschießen soll. Schmeichel rekrutiert Nielssen für sich. Zum Zeichen der Unterwerfung bis in den Tod spielt der Polizeichef mit Schmeichels Waffe Russisches Roulette. Er überlebt und kehrt mit einer Schwarzen Liste, die ihm Schmeichel ausgehändigt hat, zum Dienst zurück. Beim nächsten Mal wird er seinen Hund mitbringen und vor Schmeichels Augen erschießen. So wie einst Schmeichels Vater für den Führer seinen Hund erschießen musste, weil seine Ehre ja Treue hieß.
17. Szene. Schmeichels Haus. Zwei Frauen, die das Massaker von Srebrenica überlebt haben, waschen den schlafenden Führer mit Schwämmen und Tüchern.
18. Szene. Fußgängerzone. Ein Straßencafé. Ein Laden, in dessen Auslage Dutzende Fernsehgeräte stehen. Alle zeigen Schmeichel als Wahlkampfredner. Ein Blinder bittet um eine Spende. Es werden immer mehr Blinde, so, als würden sich alle Blinden der Welt vor Schmeichel versammeln. Laudrup und Frank im Straßencafé. Laudrup wurde freigelassen, man konnte ihm in der Sache mit dem AIDS-Kranken nichts nachweisen. Der alte Mann, die Frau und die Kinder die Shakespeare-Gestalten, die Laudrup heimsuchen treten wieder auf.
19. Szene. Povlsen und Frau Villfort im Straßencafè. Povlsen, am Ende seiner Macht in Shakespeareschem Weltskeptizismus: Früher waren Phrasen der Small-Talk der Müßigen, heute ersetzen sie sogar die produktive Arbeit. Ich treffe nur noch Menschen, die mir sagen, was sie glauben, daß ich hören will. Aber das Schlimmste ist: Sie erwarten, daß auch ich sage, was sie hören wollen. Und ich sage es. Unlängst dachte ich: Im Grunde sind doch alle unsere Sätze nur Antworten auf die Frage künftiger Generationen: Wie habt Ihr damals gedacht? Und dann stellte ich mir vor, daß unsere Enkel und Urenkel einmal vor einer großen Wand stehen werden, auf der können sie alle unsere Sätze lesen.
20. Szene. Vor einer Privatklinik. Kanzler (Hochdruck) und Vizekanzler (Unterdruck bis zur Erkaltung) wurden eingeliefert. Die Chauffeure philosophieren in einem Dialog der Shakespeare-Narren über die Austauschbarkeit der Klientel.
21. Szene. Showdown. Schmeichel hat Laudrup entführen und zu sich bringen lassen. Es kommt zum Finale, das Claus Peymann eine große Pointe nennt: Laudrup schießt sich selbst an, Schmeichel soll unter Mordverdacht geraten. Offenes Ende.
22. Szene. Redaktion der Agora. Christiansen ist Kanzler. Laudrup und Frank packen zusammen. Frank: Die Mitläufer sind die Täter und die wirst du nie treffen.
23. Szene. Starker Regen. Alle Figuren des Stücks auf der Bühne, sie stapeln an der Bühnenrampe Sandsäcke zu einem Damm. Vorhang. Olsen (tritt vor den Vorhang): Beurteilt mich nach meinen Taten wenn ich dran glauben kann, werdet auch Ihr dran glauben müssen! - - Der Rest ist: Schweigt!
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