Mann oder Frau? Geschlechterfrage könnte im Wahlkampf eine bedeutende Rolle spielen
- Politologie: Für Merkel kein klarer Vor- oder Nachteil
- Aber: Man wird etwas höflicher miteinander umgehen
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Mit CDU-Chefin Angela Merkel dürfte erstmals eine Frau in den Wahlkampf um das deutsche Bundeskanzleramt ziehen. Parteienforscher und Werbefachleute sind sich uneins, ob die Geschlechterfrage in einer Wahlkampf-Auseinandersetzung zwischen Kanzler Gerhard Schröder und einer Herausforderin Merkel für die Wähler mit entscheidend sein könnte.
Zwar sei es denkbar, dass eine Kanzlerkandidatin eine besondere Solidarität der weiblichen Wähler erzielen könne, sagte Wahlforscher Matthias Jung von der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen. "Damit wird man aber nur begrenzt punkten können. Die Wählerschaft wird sich auf diesen Aspekt nicht konzentrieren."
Der Politologe Gero Neugebauer von der Freien Universität in Berlin erklärte, da Frauenpolitik seit Jahren in Deutschland kaum mehr eine Rolle spiele, werde sich für Merkel allein aus der Geschlechterfrage kein klarer Vor- oder Nachteil ergeben. "Ein Bundestagswahlkampf zwischen Mann und Frau wäre in Deutschland kein Kulturkampf mehr", sagte er. "Die Deutschen wählen immer noch primär nach Partei-Neigung oder nach Kompetenzzuweisung. Eine Auseinandersetzung zwischen Schröder und Merkel wird nicht durch das Geschlechterverhältnis geprägt werden."
Auch der Deutschland-Chef der Werbeagentur BBDO, Olaf Göttgens, gibt sich überzeugt, dass das Geschlechterthema für die Wähler keine entscheidende Rolle spielen werde, zumal Merkel es bisher auch nicht besonders herausgestellt habe.
Zwar verkörpere die CDU-Vorsitzende als geschiedene und wiederverheiratete Frau eine moderne Politikerin, die sich gegen starke Männer durchsetzen könne, sagte der Politologe Neugebauer. Aber Merkel, die in den eigenen Reihen immer wieder mit männlichen Konkurrenten um die Kanzlerkandidatur gerungen hat, werde im Falle einer Spitzenkandidatur nicht automatisch an Beliebtheit in der von Männern dominierten Partei gewinnen. "Sie wird deshalb noch lange nicht von der Partei geliebt werden, sodass es für sie schwer werden könnte, die eigenen Anhänger zu mobilisieren."
Dagegen warnte Reinhard Schlinkert von Infratest dimap davor, das Geschlechterthema zu unterschätzen: "Die Geschlechterfrage ist immer eine Frage." So könnten sich für die konkrete Auseinandersetzung Konsequenzen etwa im Ton oder im Auftreten ergeben. Schröder werde Merkel vermutlich nicht so hart angehen können wie er im Wahlkampf 2002 Unions-Herausforderer Edmund Stoiber (CSU) angepackt habe. "Man wird vielleicht ein wenig höflicher miteinander umgehen, weil man Frauen nicht so gut beleidigen kann."
Auch Werbefachleute betonen, die Geschlechterfrage trete nicht komplett hinter die Sachfragen zurück, sondern werde unterschwellig schon eine Rolle spielen - und das nicht unbedingt zum Vorteil der Frau. Für die Wähler gehe es bei jeder Wahl um mehr als um sachliche Themen, sagte Wolf Heumann, Geschäftsführer der Werbeagentur Jung von Matt. "Wer stellt unser Land wie dar? Wer verschafft sich innenpolitisch und auch nach außen Respekt? Eine Frau ist immer noch mit dem Stigma behaftet, weniger Alpha-Tier zu sein", sagte Heumann. "Das merkt man im normalen Berufsleben schließlich auch."
Für die Unionsparteien mit ihrer konservativen Anhängerschaft sei es schwierig, aus der Kür einer Kanzlerkandidatin im Wahlkampf Kapital zu schlagen. "Zu den Grünen passt das als Partei, zur CDU weniger." Die Union und Merkel würden deshalb weiter versuchen, vor allem mit Sachthemen zu punkten. Da die Parteien aber in Sachfragen kaum glaubwürdige Differenzierungen zu bieten hätten, werde Kanzler Schröder sich voraussichtlich darauf verlegen, seine Persönlichkeit und seine staatsmännische Art auszuspielen, erwartet der Werbemanager. "Schröder kann sich ein letztes Mal als Staatslenker stilisieren." Merkel könne dann jedoch parieren mit einer Kampagne nach dem Motto: "Schluss mit der Show, wir brauchen Ehrlichkeit."
(apa/red)
