Donnerstag, 19. Mai 2005

'Die Österreicher müssen länger arbeiten': Experten-Vorschlag sorgt für Riesen-Wirbel

  • Pensionsantritt zu früh und Studienzeiten viel zu lang
  • Die Überalterung der Gesellschaft wird zum Problem

Mit provokanten Aussagen analysierte der Demographie-Experte Rainer Münz vom "Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut" bei einer Diskussion in Klagenfurt den österreichischen Arbeitsmarkt: Mit einem viel zu frühen Pensionsantritt, zu langen Studienzeiten und einer viel zu niedrigen Frauenerwerbsquote würden die Herausforderungen, die durch die Überalterung der Gesellschaft auf uns zukämen, kaum zu meistern sein.

Die Entwicklung sei klar absehbar, erklärte Münz bei der Veranstaltung der Kärntner Industriellenvereinigung. Seit dreißig Jahren gebe es einen Rückgang bei den Neugeborenen. Da damit die Zahl der potenziellen Eltern heute drastisch reduziert sei, werde sich dieser Prozess weiter fortsetzen. Für den Arbeitsmarkt habe das massive Folgen, erläuterte Münz: einen absehbaren Mangel an Arbeitskräften und zu wenige Menschen mit frischem universitären Wissen im Arbeitsprozess, was sich wieder nachteilig auf die Innovation auswirke.

Lösung: Längere Arbeitszeit
Münz bietet Auswege an. "Diese Lösungen werden von der Politik jedoch als Probleme gesehen", bedauert der Demographie-Experte. "Längere Arbeitszeit" ist eines dieser Reizworte. "Unsere Lebenserwartung steigt jedes Jahr um drei Monate. Eigentlich müssten wir die Lebensarbeitszeit jedes Jahr um diesen Zeitraum verlängern", meint Münz. Österreich habe jedoch gemeinsam mit Italien und Belgien die niedrigste Erwerbsquote bei Frauen über 55 und Männern über 60 Jahren.

Leistungslöhne statt Vorrückungsmodelle
Aber man müsse auch einen Arbeitsmarkt für ältere Arbeitnehmer schaffen, fordert er. Das bedeute: Leistungslöhne statt Vorrückungsmodelle und eine ständige Weiterqualifizierung. Lebenslanges Lernen sei keine leere Worthülse, sondern eine Notwendigkeit. Längere Lebensarbeitszeit bedeute aber auch aktive Gesundheitsförderung. "Ich kann künftig mit einem Mitarbeiter nicht mehr so umgehen, dass er nach dreißig Jahren arbeitsunfähig ist. Da müssen neue Modelle her", verlangt Münz.

Österreicher studieren zu lang
Die Studienzeiten sind zu lang. "Ist es notwendig, dass eine Universität fünf Monate im Jahr zu hat?", fragt der Demograph. "Kein Unternehmen könnte sich das leisten." Wenn es weniger junge Arbeitskräfte gebe, müssten diese wenigen bereits nach zwei bis drei Jahren Hochschulausbildung und nicht erst, wie bisher, nach vier bis fünf Jahren in den Arbeitsprozess.

Mehr Betreuungseinrichtungen für Kinder
Eine klare Absage erteilte er auch dem Modell eines Kinderschecks. Dieser halte Frauen nur vom Arbeitsmarkt fern und löse das Problem der Überalterung in keiner Weise. Gefragt seien ganztägige Betreuungsmodelle für Kinder, auch in den Ferienzeiten, schlägt Münz vor. Es sei kein Zufall, dass in den skandinavischen Ländern Frauenbeschäftigung, Innovationsrate und Wirtschaftswachstum gleichermaßen höher seien als bei uns, erläuterte in diesem Zusammenhang Monika Kircher-Kohl, Vorstandssprecherin von Infineon Technologies Austria in Villach. In Österreich liege derzeit noch zu viel Potenzial brach. (apa)

19.5.2005 14:50