Dienstag, 17. Mai 2005

Skandalbericht über Koran-Schändung:
"Newsweek" zieht Artikel endgültig zurück

  • US-Magazin gab zuvor lediglich Fehler in dem Bericht zu
  • Heftige Proteste nach vermeintlicher Koran-Entweihung

Das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" hat seinen Bericht über eine angebliche Schändung des Korans durch US-Soldaten im Gefangenenlager Guantanamo zurückgezogen. Nach Angaben von Chefredakteur Mark Whitaker ist sich der Informant, auf den sich das Magazin berufen hatte, seiner Sache nicht mehr sicher. Der Bericht hatte in Afghanistan Massenproteste ausgelöst, in deren Verlauf 15 Menschen ums Leben kamen. Auch in anderen Ländern kam es zu Protesten.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Scott McClellan, erklärte, das Zurückziehen des Artikels sei "ein guter erster Schritt". Allerdings könne damit nicht der gesamte angerichtete Schaden wieder gut gemacht werden. "Der Bericht hatte reale Folgen. Menschen haben ihr Leben verloren. Unser Ansehen im Ausland ist beschädigt worden", sagte McClellan. Die afghanische Regierung erklärte, der Artikel habe "Feinden Afghanistans" Gelegenheit zur Anstiftung zur Gewalt gegeben. Pakistan warf "Newsweek" vor, die Gefühle aller Muslime verletzt zu haben.

"Auf der Grundlage dessen, was wir heute wissen, ziehen wir unsere Geschichte zurück, in der es heißt, dass eine interne Untersuchung des Militärs Koran-Schändungen in Guantanamo Bay aufgedeckt hat", erklärte Chefredakteur Mark Whitaker. Seine Stellungnahme enthielt nur diesen einen Satz. Dem Fernsehsender NBC sagte Whitaker, er und seine Mitarbeiter fühlten sich "fürchterlich". Seiner Überzeugung nach sei der Artikel jedoch auch von islamistischen Extremisten genutzt worden, "um für Unruhen zu sorgen".

"Magazin hat unverantwortlich gehandelt"
"Wenn das Zurückziehen das Eingeständnis ist, dass die Geschichte von 'Newsweek' ohne jegliche Grundlage war, dann hat das Magazin angesichts der offensichtlichen Konsequenzen in unverantwortlicher Weise gehandelt", sagte am Dienstag ein Sprecher des Außenministeriums in Islamabad. Pakistan gilt als wichtiger Verbündeter der USA in deren Anti-Terror-Kampf.

Auch angesichts des kompletten Rückzugs des "Newsweek"-Berichts über angebliche Koran-Schändungen in Guantanamo wollen Moslems ihrer Empörung weiterhin Luft machen. Es bleibe dabei, dass die Demonstrationen fortgesetzt würden, sagte ein Vertreter pakistanischer Islamisten-Parteien am Dienstag in Islamabad. Gleichzeitig rief er zu einem weltweiten Protesttag am 27. Mai auf.

"Newsweek" berichtete von Koran-Schändung
"Newsweek" hatte am 9. Mai unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten Beamten berichtet, eine regierungsinterne Untersuchung habe Hinweise auf eine Schändung des Korans ergeben. US-Aufseher in Guantanamo hätten Ausgaben des Korans in Toiletten ausgelegt, zudem sei ein Exemplar in einer Toilette heruntergespült worden, um Gefangene zum Reden zu bringen.

Die US-Regierung hatte den Bericht zunächst nicht dementiert. Am Freitag teilte das Verteidigungsministerium "Newsweek" zufolge allerdings mit, bei der genannten Untersuchung sei es überhaupt nicht um eine mutmaßliche Schändung des Korans gegangen. Vor diesem Hintergrund räumte Whitaker in der aktuellen "Newsweek"-Ausgabe vom Montag Fehler ein und entschuldigte sich. Nachdem das Weiße Haus dies für unzureichend erklärt hatte, zog das Magazin den Bericht am Montagabend offiziell zurück. (apa/red)

17.5.2005 14:20