Abrechnung in NEWS: Mortier kritisiert Salzburger Festspiele & Scala-Chef Lissner
- "Mir fehlen in Salzburg die großen Dirigenten"
- Fairness für Ruzicka-Nachfolger Flimm gefordert
Gérard Mortier, legendärer Ex-Intendant der Salzburger Festspiele und amtierender Pariser Opern-Chef, übt in einem Interview für die aktuelle NEWS-Ausgabe Kritik an seinen Nachfolgern. Befragt, weshalb er das Festival seit seinem Abgang nicht besucht habe, erklärt Mortier: "Ich wollte das auch Ruzicka ersparen. Sie wissen ja, wie das ist: Solange man da ist, wird man beschimpft, doch wenn man zurückkommt, werden Krokodilstränen vergossen. Außerdem ziehen mich die Inszenierungen nicht so an. Nur "Titus" könnte mich interessieren, weil ich noch keine Mozart-Regie von Kusej kenne. Und mir fehlen in Salzburg die großen Dirigenten, was man an sich immer mir vorgeworfen hat. Maazel ist nicht mehr da, Dohnanyi, Abbado, Salonen, Gergiev, Ozawa. Bei mir haben sie alle dirigiert. Um Dirigenten muss man sich eben sehr kümmern. Salzburg meldet triumphierend, alles sei ausverkauft, aber das ist nicht die Aufgabe: Salzburgs Aufgabe ist es, eine Vision darzustellen und außerdem auch noch ausverkauft zu sein. Aber Ruzicka hat die Konsequenzen ja gezogen."
Fairness fordert Mortier für seinen Nachfolger Jürgen Flimm, legt ihm allerdings nahe, in seinem Antrittsjahr 2007 die Doppelfunktion bei den Salzburger Festspielen und der Ruhrtriennale aufzugeben und die Leitung des deutschen Festivals zurückzulegen. "Er verdient jedenfalls seine Chance. Es gibt ja so wenige Leute, die überhaupt in der Lage sind, die Salzburger Festspiele zu leiten! Mit einem Komponisten hat es nicht so gut funktioniert, also braucht man wieder einen wirklichen, gestandenen Intendanten. Ich finde ihn außerdem nach Ruzicka richtig, weil er guten Kontakt zu Menschen findet. Salzburg braucht dringend wieder jemanden, der mit der Technik redet und in die Werkstätten geht. Alles wird davon abhängen, ob Flimm Dirigenten findet. Und zwar nicht die Siebzigjährigen, sondern die Jungen." Die Ernennung Markus Hinterhäusers zum Musikchef nennt Mortier in NEWS "eine erstklassige Lösung".
Scharfe Kritik übt Mortier am designierten Intendanten der Mailänder Scala, Wiens Festwochen-Musikchef Stephane Lissner: "Den können Sie nicht verlieren, weil er noch gar nicht angekommen ist. Das erste Jahr hatte noch teilweise sein Vorgänger Hans Landesmann geplant, und ich finde es sehr komisch, einen neuen Vertrag abzuschließen, bevor man den alten Job überhaupt angetreten hat. Meine Empfehlung an Herrn Lissner lautet: Die Scala ist ein Fulltime-Job. Er müsste sich sofort aus allen Jobs außerhalb der Scala zurückziehen. Auch aus Wien. Ein Opernhaus leitet man nicht über das Handy. Leider hat er es schon nicht zur Pressekonferenz in Wien geschafft."
Das Amt des Festwochen-Musikchefs zur Leitung dere Pariser Oper zu übernehmen schließt Mortier aus. "Eine so umstrittene Figur wie ich es bin kann ich Luc Bondy bei bestem Willen nicht empfehlen. Aber wenn es darum ginge, gemeinsam Opernprojekte zu erfinden und zu produzieren, wäre ich gern dabei."
Mortier kündigt auch eine Koproduktion mit der Wiener Staatsoper an: "Tannhäuser" unter Seiji Ozawa und Robert Carsen.
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