Montag, 18. April 2005

Buchtipp: Von der Energie der Liebe -
Paulo Coelhos neuer Roman "Der Zahir"

  • Brasilianischer Starautor neuerlich auf Sinnsuche
  • En wunderbares reifes Buch mit nachhaltiger Wirkung

Esther, die Ehefrau eines bekannten Schriftstellers, verschwindet spurlos. Seine Suche nach ihr wird zur Besessenheit und Esther in seinen Gedanken zu einem "Zahir", zu etwas, das nach Jorge Luis Borges (1899-1986) das Denken eines Menschen vollkommen ausfüllt - manchmal bis zum Wahnsinn. Der Weg zum Ziel ist nicht nur beschwerlich und schmerzhaft, sondern vor allem "reinigend". Irgendwann interpretiert sich der Protagonist neu - und demzufolge auch sein bisheriges Leben.

Der brasilianische Schriftsteller Paulo Coelho begibt sich in seinem neuesten Roman "Der Zahir" einmal mehr auf Sinnsuche und streift dabei Bereiche der Esoterik.

Dass die Hautperson Züge Coelhos trägt, ist natürlich nicht zufällig. Geschickt nimmt der Brasilianer dabei seine eigene Arbeit aufs Korn, gewährt dem Leser Einblick in die Entstehungsphase früherer Werke ("Auf dem Jakobsweg", "Handbuch des Kriegers des Lichts") und setzt sich augenzwinkernd mit der Kritik an seinen Erfolgsromanen auseinander. Im "Zahir" rechtfertigt er seinen Erfolg, der von der Kritik oft auf reines Erfüllen eines simplen Leseranspruchs reduziert wird, in dem er einen Journalisten zu der Erkenntnis bringt: "Wenn Sie nichts sind, Ihre Arbeit keine Auswirkung hat, dann verdienen Sie Lob. Aber wer aus der Mittelmäßigkeit ausbricht, wer Erfolg hat, fordert das Gesetz heraus und muss betraft werden."

Nein, der neue Roman ist weder mittelmäßig, noch lesergefällig. Er fordert dazu heraus, sich mit existenziellen Fragen auseinander zu setzen. Dabei widersteht Coelho der Versuchung, dem Leser neue Verhaltensmuster aufdrücken zu wollen. Vielmehr stellt er sie als eine mögliche Variante der Suche nach Liebe, Glück und Zufriedenheit dar. Wie auch schon in früheren Werken Coelhos "sezieren" sich im "Zahir" die Protagonisten - neben dem Schriftsteller und Esther auch seine neue Freundin Marie und der Vertraute Esthers, Mikhail - eine Art der Selbstfindung, die nicht immer glücklich, aber letztendlich zufrieden macht.

Grundlage dafür - so meint der Hauptakteur - ist es, seinen "Resignationspunkt" zu finden und wenn möglich zu überwinden. Er übernimmt Mikhails Theorie, dass nur die "Energie der Liebe" die Welt zum Positiven verändern kann. Das mutet sehr idealistisch an, ist es wohl auch, das Streben danach aber sicherlich nicht. Was den "Zahir" aber am meisten von Coelhos früheren Werken unterscheidet, ist, dass hier das Märchenhafte als Übersinnliches, aber durchaus Denkbares verbrämt wird: Mikhail hört während seiner epileptischen Anfälle eine Stimme, die ihm und allen, die es wissen wollen, sagt, was zu tun oder nicht zu tun ist. Die Fallsucht eines Menschen als Kunstgriff einzusetzen, ist vielleicht gewagt, aber legitim.

Trotz mancher Längen, vor allem in einigen philosophisch ausufernden Passagen, ist "Der Zahir" ein wunderbares reifes Buch mit nachhaltiger Wirkung.

Paulo Coelho: "Der Zahir", Diogenes Verlag, 142 S.; 22,60 Euro, ISBN 3-257-06464-0(APA/red)

18.4.2005 11:01