Bangen um einen Mythos: Kamerahersteller Leica steckt in der Existenzkrise
- Die Umsätze sind in allen Teilen der Welt rückläufig
- Ur-Leica etablierte 1925 die Schnappschuss-Fotografie

Seine Leica war für den legendären Fotografen Henri Cartier-Bresson "wie ein dicker, heißer Kuss". Unzählige Profis und Amateure bekommen glänzende Augen, wenn sie von den hochklassigen Objektiven und der technischen Präzision der Kameras schwärmen. "Die Leica ist der Ferrari der Fotografen", rühmt etwa der Präsident des Deutschen Verbandes für Fotografie, Georg Holzmann. Doch die Liebhaber müssen um den Mythos bangen: Das Traditionsunternehmen aus dem mittelhessischen Solms ringt ums Überleben, weil es neue Technik- Trends verpasst hat.
Die Hiobsbotschaften haben sich in jüngster Zeit gehäuft: Für das Geschäftsjahr 2004/05 (31. März) erwartet das Unternehmen einen operativen Verlust von 12,8 Mio. Euro. Die Umsätze sind in allen Teilen der Welt rückläufig und nähern sich der Marke von 100 Mio. Euro. Die Banken kündigten teilweise ihre Kreditlinien, seit Februar verhandelt die Leica Camera AG mit den sechs Geldgebern. Über eine mögliche Zwischenlösung lässt sich Sprecher Gero Furchheim nichts entlocken: "Noch haben wir keine Zahlungsschwierigkeiten, alle Rechnungen werden rechtzeitig und in vollem Umfang bezahlt."
MItarbeiter verunsichert
Bei einer außerordentlichen Hauptversammlung am 31. Mai sollen Kapitalmaßnahmen beschlossen werden. Wie das Rettungspaket aussehen könnte, davon dringt nichts nach außen. "Innovationen, verbesserte Distribution und verstärkte Kommunikation", kündigt Furchheim vage an. Der Streichung weiterer Stellen dagegen erteilt er zunächst eine Absage: "Das Management hat keine Kündigungen beschlossen und sieht das auch nicht an vorderster Stelle." Trotz dieses Hoffnungsschimmers seien die Mitarbeiter verunsichert, sagt Betriebsratsvorsitzender Edgar Zimmermann. "Sie wissen nicht, wie es weitergeht."
"Wir haben zu wenig Speck
Es ist nicht die erste Sanierungsrunde bei Leica. Bereits kurz nach dem Börsengang 1996 war die Firma in Schwierigkeiten geraten, der Aktienkurs sinkt seit Jahren kontinuierlich. Allein in den vergangenen vier Jahren hat der Kamera- und Ferngläserhersteller rund 400 Stellen abgebaut. 1.050 Beschäftigte arbeiten derzeit weltweit noch für das Unternehmen, 415 davon in Solms. Die Hand gefertigten Apparate werden außer in Mittelhessen auch in Portugal produziert. Wegen der Restrukturierungen der vergangenen Jahre habe Leica keine Reserven aufbauen können, sagt Furchheim: "Wir haben zu wenig Speck."
Digitalen Vormarsch verschlafen
Leica hat sich nach Ansicht von Kritikern zu spät auf die neue Pixel-Welt eingelassen. "Sie haben an der traditionellen analogen Kameratechnik festgehalten und den digitalen Vormarsch verschlafen", bemängelt Holzmann. Die Firma räumt zwar Fehler ein, argumentiert aber auch mit den bisher "kurzen Lebenszyklen" im Digitalmarkt, die der Leica-Philosophie von Langlebigkeit und Qualität entgegenstünden. "Jetzt wird aber nicht mehr alle sechs Monate eine neue Pixel-Grenze durchstoßen, da lohnt sich eine Investition auch für einen längeren Zeitraum", sagt Furchheim. Das digitale Geschäft soll künftig über die Hälfte des Umsatzes ausmachen, bisher liegt der Anteil unter 20 Prozent.
Ur-Leica etablierte den Schnappschuss
Die "Ur-Leica" wurde 1925 auf der Leipziger Frühjahrsmesse vorgestellt. Mit dem handlichen Apparat eroberte der Schnappschuss die Fotografie, die Leica - eine Abkürzung für Leitz Camera - avancierte zum Verkaufsschlager. "Wenn die Firma unterginge, wäre das ein herber Verlust. Die Leica ist eines der wenigen Luxusprodukte, die noch in Deutschland hergestellt werden", meint Axel Roßwog, Präsident des Sammler-Vereins Leica Historica. Der weltweit bekannte Markenname wird nach Ansicht von Holzmann auf jeden Fall bleiben: "Aber vielleicht nicht in Solms, sondern in Shanghai oder Taiwan." (apa)
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