Hugo Portisch: Mein Österreich. Der Starjournalist im großen NEWS Interview
- Im Belvedere, wo 1955 Österreich ist frei ertönte, spricht Portisch über Österreichs Wiedergeburtsjahre

60 Jahre zweite Republik. Österreichs Starjournalist im großen NEWS-Interview über Figl, Kreisky, Waldheim, Haider & Co. Im Belvedere, wo 1955 Österreich ist frei ertönte, spricht Portisch über Österreichs Wiedergeburtsjahre.
NEWS: Vor 60 Jahren wurde Österreich durch den Einmarsch der Alliierten vom Nationalsozialismus befreit. Wie kommt es, dass vielen Österreichern als Befreiung vor allem der Abzug der Besatzer nach Abschluss des Staatsvertrages in Erinnerung geblieben ist?
Portisch: Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Zumindest 1945 gab es vor allem die Reaktion Gott sei Dank, es ist vorbei!. Damit war zuerst einmal der Krieg gemeint, aber auch das Ende dieses Hitler-Regimes, selbst wenn viele sich das volle Ausmaß der Verbrechen dieses Regimes vielleicht noch nicht vorstellen konnten. Und das war auch das Ende der Nazipropaganda, die zum Durchhalten aufrief und den Endsieg versprach und damit viele, viele Menschen noch in den Tod hetzte. Und es war auch das Ende der Angst: Angst davor, dass man als 60-Jähriger noch zum Volkssturm würde einrücken müssen. Angst, dass die Kinder oder Enkel noch eingezogen würden.
NEWS: Trotzdem haben viele nie aufgehört, die Befreiung als Niederlage, die Entnazifizierung als Demütigung und die Verurteilung von Tätern als Willkür der Siegerjustiz zu empfinden.
Portisch: Was für die einen Befreiung von Diktatur und Terror war, war für andere das Ende ihrer Welt, der Zusammenbruch dessen, woran sie bis zuletzt geglaubt hatten. In der ersten Folge meiner neuen ORF-Dokumentation Die Zweite Republik Eine unglaubliche Geschichte, die am 20. April gesendet wird, kommt ein Zeitzeuge zu Wort, der im April 1945 als 18-Jähriger am Donaukanal kämpfte. Der hat die Leichen jener Widerstandskämpfer an den Laternenpfählen hängen sehen, die gemeinsam mit dem Major Carl Szokoll die Zerstörung Wiens zu verhindern suchten. Der hat erlebt, wie auch Soldaten gehängt wurden, weil sie nicht mehr an den Sieg glaubten und damit angeblich die Moral der Wehrmacht zersetzten. Und er sagt, bis dahin habe er immer noch geglaubt, für eine gute Sache zu kämpfen. Erst in diesem Augenblick wurde ihm klar: Um Gottes willen, das ist alles ganz anders. Es kam dabei halt auf die eigenen Erfahrungen an. In Ostösterreich haben sich die Frontsoldaten der Roten Armee meist korrekt benommen. Aber der nachrückende Tross hat vergewaltigt, geplündert, verschleppt. Zuletzt darf man nicht vergessen, dass die Besatzung zehn Jahre gedauert hat. So wurde der Staatsvertrag immer mehr zu einem Wunschziel, das es irgendwann zu erreichen gab wie eine Oase in der Wüste.
NEWS: Das Vorurteil, Österreich wäre in diesen zehn Jahren völlig entmachtet gewesen, hat sich bis heute gehalten.
Portisch: Tatsächlich war es nicht ganz so. Die völlige Abhängigkeit von den Alliierten wurde 1946 mit dem zweiten Kontrollabkommen beendet. Ab diesem Zeitpunkt galt jedes vom österreichischen Parlament beschlossene Gesetz automatisch, wenn nicht von allen vier Alliierten Einspruch erhoben wurde. Und das kam kaum vor, weil die Westalliierten mit den Sowjets höchst selten einer Meinung waren. Also haben etwa die Sowjets im Alliierten Rat zwar protestiert, aber genützt hat es ihnen nichts. Von Mitte 1946 an hat das österreichische Parlament mit Ausnahme von Verfassungsgesetzen und Fragen der Entnazifizierung freie Hand gehabt.
NEWS: Österreichs Entnazifizierungsgesetze, die offiziell Sühnegesetze hießen, waren strenger als die in Deutschland.
Portisch: Zunächst ja, im Gegensatz zu Deutschland wurden bei uns Volksgerichte eingesetzt, die bis 1955 tätig waren. Die haben recht streng geurteilt, eine Reihe von Todesurteilen gesprochen, die auch vollstreckt wurden. Erst im Nachhinein wurde deutlich, dass zwei entscheidende Fehler den Erfolg der Entnazifizierung minderten. Der erste war die anfängliche Strenge der Gesetze. In Deutschland war die Parteimitgliedschaft allein nicht von so großer Bedeutung. Im Nachkriegsdeutschland konnte ein ehemaliges NSdAP-Mitglied Bundeskanzler, Außenminister und sogar Bundespräsident werden. In Deutschland wurde die persönliche Schuld geprüft. In Österreich war das anders. Da galten zuerst einmal alle illegalen Nazis als Hochverräter, die anderen immer noch als Verräter an Österreich. Das hat den Blick dafür verstellt, dass Nazis nicht automatisch Verbrecher waren und Parteilose nicht automatisch Unschuldslämmer. Und dann musste plötzlich amnestiert werden, weil Fachleute fehlten.
NEWS: Das Leben musste ja weitergehen, dazu brauchte man Richter, Staatsanwälte, erfahrene Beamte
Portisch:
Lehrer, Ärzte, Apotheker. Beinahe wie jetzt im Irak: Da braucht man auch die Polizisten und Soldaten Saddam Husseins. Die Sowjets wussten: Je schneller das öffentliche Leben funktioniert, desto leichter haben sie es. Die österreichischen Politiker wussten das auch und schufen ein Schlupfloch: Der Bundespräsident konnte jeden amnestieren. Was anfangs für Ausnahmefälle gedacht war, wurde bald zur Routine. Das hat natürlich zu Ungerechtigkeiten geführt. Die einen wurden verurteilt, andere schlüpften durch die Maschen.
NEWS: Dass die Moskauer Deklaration Österreich als Hitlers erstes Opfer von Schuld freisprach, hat nicht nur genützt.
Portisch: Die Moskauer Deklaration ist janusköpfig. Auf der einen Seite sagt sie, Österreich ist als Opfer von Hitlers Aggression im deutschen Reich aufgegangen, also existierte es nicht mehr. Im nächsten Absatz aber wird erklärt, Österreich trage Verantwortung für seine Teilnahme am Krieg. Wir sind in unserer Dokumentation der Frage nachgegangen, wie es zu diesem Widerspruch kommen konnte.
NEWS: Mit welchem Ergebnis?
Portisch: Im ersten Entwurf folgte der Opferthese die Feststellung, die Österreicher müssten sich bewusst sein, dass sie für die Teilnahme am Krieg Mitverantwortung tragen. Die Russen aber haben gewusst, dass von den Österreichern nichts zu holen sein wird, sondern nur von Österreich. Die Deutschen hatten im Russland-Feldzug verbrannte Erde, riesige Zerstörungen hinterlassen. Dafür wollte Russland Entschädigung, auch von Österreich, das ja einen großen Beitrag zum Krieg geleistet hat. In der Potsdamer Konferenz sind sich die Alliierten zwar einig gewesen, dass man einem Opfer Hitlers keine Reparationen abverlangen kann. Die Russen haben dem zugestimmt, weil auch sie weiter als Befreier auftreten wollten. Also haben sie sich am deutschen Eigentum in Österreich schadlos gehalten. Das war den Westalliierten recht, die ebenfalls deutsches Eigentum in aller Welt beschlagnahmt haben. Erst nach und nach haben sie umgedacht und zuletzt mit dem Marshallplan beim Wiederaufbau entscheidend geholfen.
Das ganze Interview finden Sie im neuen NEWS
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