Mittwoch, 13. April 2005

Im Tempo-Rausch

  • Fahrzeuge werden zu „Höllenmaschinen“ umgebaut
  • Mit bis zu 200 Stundenkilometern durchs Ortsgebiet

Triester Straße, Wien-Favoriten, drei Uhr nachts: An einer roten Ampel warten zwei Boliden, jeder hat 200 PS unter der Haube. Die Motoren dröhnen auf, die beiden Fahrer haben durch Handzeichen längst ihr gemeinsames Ziel vereinbart: die nächste Ampel. Was für die zwei Männer zählt, ist einzig die Geschwindigkeit. Und die Ehre, das stärkere Auto zu haben.

Die Füße wippen am Gaspedal – die Ampel springt auf Grün. Ein Heulen zerreißt die Stille der Nacht, zurück bleibt der Geruch verbrannten Gummis. Erster Gang, zweiter Gang, manchmal geht sich sogar noch der dritte oder vierte aus. Mit bis zu 200 km/h rasen „gute“ Fahrer bis zur nächsten roten Ampel – dann hat der Spuk wieder ein Ende. Gewonnen hat der Schnellere. Verloren die Vernunft.

Soundanlage um 9.000 Euro. Die Triester Straße, eine der am stärksten frequentierten Ausfallstraßen Wiens, ist nur einer von vielen beliebten Treffpunkten für Roadrunner oder „Hatzer“, wie sich die Jugendlichen selbst bezeichnen. Ihr Auto ist ihr Leben, ihr einziger Identifikationspunkt. Franz E.: „Mir macht das Basteln am Auto einfach Spaß. Und natürlich freut mich auch der Neid der anderen, wenn sie mein Auto sehen.“ Bisher hat der 23-Jährige 33.000 Euro (!) in seinen Honda Prelude, Baujahr 1994, investiert. Derzeit installiert er eine nagelneue Soundanlage mit 4.000 Watt – Kostenpunkt: 9.000 Euro. Vernunftbegabte Menschen kaufen sich um dieses Geld einen Kleinwagen …

Klassisches Imponiergehabe. Dora Donosa, Verkehrspsychologin des ÖAMTC, erklärt das Phänomen Roadrunner: „Das Fahrzeug ist für diese Leute nicht bloß ein Transportmittel, sondern eine Visitenkarte, die der Umwelt vermitteln soll, was der Fahrer gerne wäre. Roadrunner sind meistens Männer, weil sie mit ihren Autos das andere Geschlecht beeindrucken wollen. Das entspricht dem klassischen Imponiergehabe.“
Beliebt sind auch Rennen auf der Autobahn. „Zwischen Wien und Baden kommt es dabei immer wieder zu gefährlichen Situationen“, weiß Andreas Köck, Kontaktbeamter der Wiener Polizei. Das Schema der „Täter“ ist dabei immer gleich: Drei Autos fahren nebeneinander mit etwa 30 km/h und blockieren alle Fahrstreifen – so lange, bis der Verkehr vor ihnen außer Sichtweite ist. Dann geben die Fahrer Gas – ein Geschwindigkeitslimit gibt es nicht.

Land der „Hatzer“. Tatsache ist: Roadrunner gibt es in ganz Österreich. Neben Wien bestehen vor allem in Niederösterreich, in den ländlichen Regionen Oberösterreichs, in der Steiermark im Bereich Hartberg sowie in Kärnten um den Wörthersee ausgeprägte Tuningszenen. „Wobei sich Roadrunner quer durch alle sozialen Schichten finden. Neuerdings kommen auch immer mehr junge Frauen auf den Geschmack“, so Köck.

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13.4.2005 16:48