Sonntag, 17. April 2005

Wahl im türkischen Teil von Zypern: Der Pro-Europäer Mehmet Talat setzt sich durch

  • TV: Premier erhielt mehr als 55 Prozent der Stimmen

Im türkischen Teil Zyperns ist der pro-europäische Regierungschef Mehmet Ali Talat am Sonntag mit klarer Mehrheit zum neuen Präsidenten gewählt worden. Nach Angaben der Wahlkommission entfielen auf den 53-Jährigen 55,6 Prozent der Stimmen, während sein Hauptkonkurrent Dervis Eroglu 22,7 Prozent auf sich vereinigte. Talat will die seit langem bestehende Teilung der Mittelmeerinsel überwinden und strebt eine gemeinsame EU-Mitgliedschaft mit den griechischen Zyprioten an. Mit seiner Wahl zum neuen Volksgruppenführer der nur von Ankara anerkannten Türkischen Republik Nordzypern endet die Ära seines langjährigen Amtsvorgängers Rauf Denktas.

Talat sagte nach seinem Wahlsieg am Abend, er reiche der griechisch-zyprischen Seite die Hand. Seine Wähler hätten sich für den Frieden und den Beitritt zur Europäischen Union entschieden. Sein Rivale Eroglu gestand seine Niederlage ein und gratulierte Talat zum Wahlsieg. Neun Kandidaten waren ins Rennen gegangen. Die Wahlbeteiligung blieb unter 70 Prozent. Der neue Volksgruppenführer wurde für fünf Jahre gewählt.

Talat appellierte erneut an den griechisch-zyprischen Präsidenten Tassos Papadopoulos, der Aufforderung von UNO-Generalsekretär Kofi Annan nachzukommen und Änderungsvorschläge zu dem abgelehnten UN-Plan zu unterbreiten. "Natürlich werden auch wir unsere Vorschläge machen", sagte Talat der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu. "Wir werden einen Verhandlungsprozess für eine Lösung des Zypern-Problems in Gang setzen."

Am 1. Mai vergangenen Jahres war nur der griechische Teil Zyperns der EU beigetreten. Ein UNO-Plan für einen gemeinsamen Bundesstaat von Zypern-Türken und Zypern-Griechen auf der Mittelmeerinsel war am Nein der Zypern-Griechen gescheitert. Zypern ist geteilt, seit 1974 griechische Nationalisten mit einem Putsch in Nikosia den Anschluss Zyperns an Griechenland durchsetzen wollten und die Türkei daraufhin Truppen auf den Nordteil der Insel schickte. Mit einer Vereinigung beider Inselteile würden die 200.000 Einwohner des türkischen Inselteils automatisch zu EU-Bürgern.

Der 81-jährige Denktas, der die Geschicke Nordzyperns mehr als 30 Jahre lang bestimmte, hatte sich erstmals nicht mehr zur Wahl gestellt. Unter seiner Ägide war Nordzypern in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr in die Isolation geraten. Der türkische Inselteil ist verarmt und hängt wirtschaftlich von der Türkei ab. Noch heute sind dort etwa 30.000 türkische Soldaten stationiert.

An einer Lösung des Zypern-Problems ist auch der Türkei gelegen. Die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte im vergangenen Dezember die Zustimmung der EU zu Beitrittsverhandlungen erhalten unter der Voraussetzung, dass die Türkei die griechisch-zypriotische Regierung zumindest indirekt anerkennt. Die Beitrittsgespräche mit der Türkei sollen am 3. Oktober beginnen. (apa/red)

17.4.2005 20:36