Montag, 11. April 2005

Nach Scherz mit "Kurdistan": Österreicher darf in Türkei nicht mehr unterrichten!

  • Direktor der Schule in Istanbul: "Sehr sensibles Thema"

Weil ein oberösterreichischer Lehrer in einem Scherz das Wort "Kurdistan" fallen ließ, darf er in der österreichischen Ordensschule "Sankt Georgs-Kolleg" in Istanbul nicht mehr unterrichten. Wie das Wiener Nachrichtenmagazin "profil" in seiner aktuellen Ausgabe berichtete und der oberösterreichische Biologe Gerhard Pils auch der APA bestätigte, hatte das Wort ausgereicht, dass Pils seinen Job als Biologielehrer verlor. Dabei war die Bezeichnung nach seiner Darstellung gar nicht politisch gemeint.

Im Unterricht ging es um Allergien. Pils wollte den 16-/17-Jährigen vor etwa einem Jahr erklären, dass Allergien schichtabhängig sind, dass also Wohlhabende eher daran leiden, als ärmere Menschen. Und dann sagte er: "Mein Sohn wird nie ein Problem haben, weil er schon im jüngsten Alter in Kurdistan war und dort Faschiertes gegessen hat". Der Scherz kam nicht gut an. Zwei Schüler sprangen auf und schrien: "Wir töten alle, die ein Kurdistan wollen", erzählt Pils. Dass es sich bei den beiden um nicht gerade gute Schüler handelte, war wohl ausschlaggebend: "Einer der Schüler ist bei mir durchgefallen", sagt Pils. "Der Vater wollte noch was retten und hat mich angezeigt."

Infolge der Schüler-Proteste wurde der Lehrer kurzfristig suspendiert. Nach dem Wochenende durfte er wieder unterrichten, nur nicht die betreffende Klasse 2 E. Später kamen zwei Kommissionen in die Schule, erklärt Pils weiter. Zunächst eine vom Bezirksschulrat Istanbul, dann eine aus Ankara. Denen habe er erklärt, dass er als Biologe mit dem Begriff Kurdistan keine politische Aussage machen wollte. Er habe dies nur als "geografischen Begriff" gemeint. Als Botaniker sei er außerdem oft im Osten der Türkei gewesen und dort vom Militär aufgehalten worden. Auch das sei genehmigungspflichtig, sei ihm erklärt worden.

Im Sommer sei ihm dann die Arbeitsgenehmigung entzogen worden. Auch der Arbeitsvertrag seiner Frau, einer Kärntnerin, die in derselben Schule Deutsch lehrt, wird nach dem Auslaufen am Ende dieses Schuljahres nicht mehr verlängert. Warum er nicht mehr Biologie unterrichten darf, scheint Pils nicht so klar zu sein. "Es gibt nur einen allgemeinen Paragrafen der türkischen Arbeitsbestimmungen." Demnach sei Ausländern die Arbeitserlaubnis zu entziehen, wenn diese eine Gefahr für die Sitte, die nationale Sicherheit oder Gesundheit darstellen.

Schuldirektor Hofrat Franz Kangler vom Lazaristenorden ist der Fehler hingegen ganz klar. "Für die Türkei richtet sich der Begriff Kurdistan gegen die Einheit des Staates", sagte er am Montag der APA auf Anfrage. Dies sei ein "sehr sensibles Thema", mit dem die Türkei den Kampf gegen die PKK (Kurdische Arbeiterpartei) und getötete Menschen verbinde. Dies erzeuge gewaltige Emotionalität. "Unsere Lehrer müssen sensibel sein", erklärt der Direktor. Und bei Pils fehle ihm "dieses Einfühlungsvermögen". Er fürchte, dass dadurch Schaden für die Schule entstanden sein könnte.

Kangler und Pils bemühten sich dennoch um eine Verlängerung der Arbeitsgenehmigung. Auch das Unterrichtsministerium, der österreichische Botschafter in der Türkei und das Außenministerium waren eingeschaltet. Das Außenamt stellte dem Lehrer einen Rechtsanwalt zur Verfügung, intervenierte und riet ihm gleichzeitig von einer Klage gegen die türkischen Behörden ab, so Pils. "Alles hat nichts gebracht", sagt Kangler. Der Lehrer will sich nun um eine andere Stelle umsehen. Zurück nach Linz kann er aber nicht so leicht. Er hat seine Wohnung für weitere zwei Jahre vermietet: An eine türkische Familie. (apa)

11.4.2005 15:27