Prozess wegen "Jesus-Buch": Karikaturist Haderer in Griechenland freigesprochen!
- Beschlagnahmung des Buches wurde aufgehoben
- Urteil in erster Instanz: 6 Monate Haft bzw. 1.600 Strafe
Der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer ist heute, Mittwoch, in Athen im Berufungsverfahren vom Vorwurf der Religionsbeschimpfung durch sein Buch "Das Leben des Jesus" freigesprochen worden. Auch die Beschlagnahme des Buches wurde aufgehoben. "Persönlich erleichtert" über das Urteil zeigte sich Haderer im Gespräch mit der APA. Trotz des Freispruches warnte der Karikaturist, man müsse aber über den Tellerrand hinausschauen und die Problematik von europäischen Haftbefehlen im Auge behalten. Der Künstler sprach von einer "Bedrohung für Künstler und Autoren in Gesamteuropa".
Haderer war am 19. Jänner in Griechenland wegen Religionsbeschimpfung durch sein Buch "Das Leben des Jesus" zu sechs Monaten Haft bzw. einer Ersatzgeldstrafe von 1.600 Euro verurteilt worden. In dem Buch wird Christus als liebenswerter Weihrauch-Kiffer, die wundersame Fischvermehrung als Bootsunglück und der Gang über den See Genezareth als Surf-Trip gezeigt. Die Causa hat in den vergangenen Tagen nicht nur in Griechenland, sondern auch europaweit für Aufsehen gesorgt. In den vergangenen 30 Jahren war in Griechenland kein Buch mehr verboten worden. Nun hat die dritte Dreirichter-Strafkammer den Schriftsteller und Karikaturisten Gerhard Haderer beim Berufungsverfahren, das auf großes Interesse stieß, freigesprochen.
Das Buch des österreichischen Karikaturisten beleidige und beschimpfe auf keinen Fall gezielt und absichtlich die Religion, plädierte der Staatsanwalt, und schlug den Richtern vor, Haderer freizusprechen und die Beschlagnahme seines Buchs in griechischer Sprache aufzuheben. Der zuvor vorgebrachte Einwand seitens der Verteidigung Haderers, dass der Fall als erledigt in einem anderen EU-Land (die Erhebungen in Österreich waren eingestellt worden) überhaupt nicht behandelt werden sollte, wurde hingegen abgelehnt.
Ein als Zeuge geladener Vertreter der Kirche vertrat den Standpunkt, dass Jesus in Haderers Buch lächerlich gemacht und mit einem Drogenabhängigen identifiziert werde, was als eindeutige Beschimpfung und Beleidigung zu interpretieren sei. Die anderen Zeugen, ein Theologie-Professor und Geistlicher, ein Politiker sowie ein Kunst- und Buchkritiker, haben den Fall anders gesehen. Ins Treffen geführt wurden Humor, Kunst und Meinungsfreiheit. Die Kritik betreffe eher die Entwicklung der christlichen Gesellschaft oder die römisch-katholische Kirche und insbesondere die Kirchenführung während des Zweiten Weltkriegs. Ein Experte beschäftigte sich sogar mit der Frage, ob Weihrauch etwas mit Haschisch zu tun habe.
Erleichterung und Freude über den Freispruch des österreichischen Karikaturisten Gerhard Haderer in Athen bezeugten Politiker der SPÖ und der Wiener Grünen. Als "Sieg der Vernunft" bezeichneten sowohl SPÖ-Kultursprecherin Christine Muttonen als auch der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) den Freispruch. Als "enttäuschend" bemängelte Muttonen die "Passivität und offensichtlich mangelnde Solidarität der österreichischen Bundesregierung mit einem renommierten österreichischen Künstler". Die SPÖ-Delegationsleiterin im Europäischen Parlament und Mitglied des Rechtsausschusses, Maria Berger, betonte, der "Fall" Haderer und die zunächst erfolgte Verurteilung habe auch gezeigt, dass "Meinungsfreiheit und Freiheit der Kunst in der EU noch keine alltägliche Selbstverständlichkeit sind".
Der Band hatte zuvor auch in Österreich und Tschechien für Proteste gesorgt. Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (V) hatte gemeint: "Religiöse Empfindungen von Menschen sollten nicht auf eine derartige Weise verletzt werden. Für mich hat Haderer hier klar eine Grenze überschritten. Ich bin überrascht, dass ein so begabter Zeichner wie Haderer es notwendig hat, solche Schundzeichnungen zu produzieren." Die Strafanzeige eines tschechischen Abgeordneten wurde im März 2004 abgelehnt, weil es sich dabei um zulässige Satire handle.
Haderer hat gleich nach der "sehr vernünftigen Entscheidung des griechischen Gerichts" wieder Lust auf ein griechisches Gericht: "Ich habe meinen Appetit wiedergewonnen und werde heute Abend sofort griechischen Salat essen", so der Karikaturist gegenüber der APA. (apa)
