Hilfe, wir ersticken! Die EU schlägt Öko-Alarm:
- Pro Jahr sterben 4.640 Österreicher an Feinstaub.
- Graz kämpft für Fahrverbote und autofreie Tage.

Das Inhalationsgerät nimmt Marie-Sophie R., zweieinhalb Jahre alt, schon öfter zur Hand als ihre heiß geliebten Barbie-Puppen. Zwei- bis viermal pro Tag muss sie wegen ihrer chronischen Bronchitis inhalieren seit August 2004 hustet sie fast ununterbrochen. Da half nicht einmal, dass ihre Mutter Petra R., 35, die Kleine mitsamt der ganzen Familie von Wien aufs Land übersiedelte.
Norbert Vetter, Primar der Pulmologie im Wiener Otto-Wagner-Spital, kann ihr die quälende Behandlung nicht ersparen: Gerade Kinder reagieren auf Luftschadstoffe sehr empfindlich. Ihre kleinen, nicht voll entwickelten Bronchien werden durch Feinstaub besonders gereizt. Und Marie-Sophie wird weiter husten.
Genauso wie Susanne K., 4, aus Graz. Sie hat Asthma. Zu Wochenbeginn kam sie mit einem akuten Anfall ins Landeskrankenhaus. Für ihren Arzt, Maximilian Zach, Primar der klinischen Abteilung für pädiatrische Pulmologie und Allergologie (Kinder-Lungenkrankheiten), ist Susanne kein Einzelfall: Die Zahl der Asthmaerkrankungen bei Kindern hat sich in den letzten 20 Jahren verdoppelt. Nach Winterende ist die Situation besonders dramatisch.
Zach weiter: Asthma macht in Österreich mittlerweile neun Prozent aller Kinderkrankheiten aus. Feinstaub ist wohl nicht der einzige Faktor, aber besonders problematisch, weil seine Folgen nicht so eindeutig zugeordnet werden können wie normale Blütenstauballergien. Aus diesem Grund sei die Behandlung besonders kompliziert.
Was nun zum neuen Öko-Schock führt: Ganz Österreich wähnte sich als Umweltmusterland mit beispielhaften Luftreinhaltegesetzen, Verbesserungen bei Schwefeldioxid- und Stickoxidbelastung. Man ist stolz, dass nach immerhin 18 Jahren Umstellungsphase schon 85 Prozent der Pkws mit Katalysator fahren. Das Waldsterben gilt als besiegt, weil die Industrie in Österreich mittlerweile bessere Filtersysteme hat, als es die Gesetze und verschiedene EU-Normen verlangen.
Und jetzt das: Feinstaub! Winzige Teilchen, die fünfzigmal dünner als ein menschliches Haar, sind und unter zehn Mikrogramm wiegen, sind die neue Killersubstanz.
Industrie, Hausbrand, Energieerzeugung, Bauwirtschaft, ja sogar die Landwirtschaft über Pollen, die bei längerer Brachzeit entstehen, und vor allem der Autoverkehr wirbeln tonnenweise Partikel in die Luft. Gefährlichster Verursacher ist der einstige Hoffnungsträger der Autobranche: der Dieselmotor, der laut jüngsten Erkenntnissen bis zu tausendmal mehr Krebs erregende Feinstäube als normale Benzinmotoren und hundertmal mehr als direkt einspritzende Benziner in die Luft bläst. Ätzten vor einigen Monaten Automanager wie VW-Chef Bernd Pischetsrieder noch über die lächerlichen Filterchen, zittert heute Deutschland vor dem Comeback der autofreien Tage.
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