Freitag, 8. April 2005

Alle wollen Souvenirs vom Papst: Die große Stunde der Wucherer hat begonnen!

  • Fünf Euro für einen halben Liter Wasser im Vatikan
  • PLUS: Die Abzocke mit Gedenkmünzen und -medaillen

Die elegante Senora mit der Cola-Flasche in der Hand kramt in den Rosenkränzen. Sie sei aus Mexiko, sagt Nelly, und mit drei Freundinnen eigens für die Beisetzung des Papstes aus Lateinamerika angereist. Auf jeden Fall wolle sie von dieser Pilgerfahrt ein Souvenir mitnehmen, ein paar Postkarten und einen Rosenkranz mit dem Bild von Johannes Paul II. Im engen Shop auf der Piazza Risorgimento - nur 100 Meter vom Petersplatz entfernt - herrscht buntes Treiben. Die Leute sprechen Spanisch, Italienisch, Polnisch, Deutsch.

"Unsere Geschäfte haben sich mehr als verdoppelt", sagt Ladenbesitzer Emiliano freudig, während er neue Bildchen und Kalender mit dem Antlitz des Pontifex aus dem Lager holt. Neben Papst-Tellern, Papst-Medaillons, Papst-Kerzen, Papst-Adressbüchlein mit Kugelschreiber und Papst-Münzen haben auch Mini-Holographien Hochkonjunktur: Je nachdem wie man das plastifizierte Bildchen hält, erscheinen wahlweise Johannes Paul II. oder Jesus.

"Wir waren gerade nach zwölf Stunden Wartezeit beim aufgebahrten Papst im Petersdom und fahren gleich wieder nach Padua ab", sagen Anna und Fabrizio. Auch sie wollen unbedingt ein Erinnerungsstück mit nach Norditalien nehmen und entscheiden sich schließlich für ein Drei-Euro-Lesezeichen, auf dem Johannes Paul mit Bischofsstab zu sehen ist.

"Am besten verkaufen sich die Postkarten vom alten, leidenden Papst, die Bilder aus den frühen Jahren sind weniger gefragt", erzählt Emiliano. Viele erkundigten sich bereits nach Postkarten vom Leichnam des Pontifex: "Aber die gibt es ja noch nicht."

Auf der anderen Straßenseite drängen sich Pilger um einen Ständer mit Papst-Bildern. Im Schaufenster steht in großen Lettern: "Postkarten nur 2,50 Euro". Bis vor einer Woche kosteten sie noch 80 Cent. Schon seit Tagen beklagen Verbraucherschützer, dass rund um den Vatikan seit der Nachricht vom Tod des Heiligen Vaters Wucherpreise verlangt werden. Nicht nur die Hotels schraubten spontan die Zimmerpreise hoch, auch Imbissbuden und Zeitungsstände haben kräftig draufgeschlagen. Wer etwa eine Ausgabe der offiziellen Vatikanzeitung "L'Osservatore Romano" erstehen will, die normalerweise 90 Cent kostet, muss manchem Verkäufer am Petersplatz fünf Euro hinblättern.

Bei derartigen Menschenströmen in Rom lassen auch die Schwarzhändler nicht lange auf sich warten. Viele kaufen in Supermärkten am Stadtrand Wasser und verhökern anschließend am Vatikan einen halben Liter für fünf Euro: Die Sonne strahlt vom stahlblauen römischen Himmel, jeder hat Durst. Deshalb kontrolliert die Polizei beharrlich alle, die am Vatikan verdächtig große Taschen mit sich herumtragen. Bei einem Pärchen aus Neapel entdeckten Beamte zuletzt hunderte Brötchen mit Mortadella und Käse. Von der Erklärung "Die sind für unsere Verwandten" ließen sich die Beamten aber nicht überzeugen. Das Paar wurde unter Strafandrohung aufgefordert, sich von den Pilgern fern zu halten.

Scheinheilige Spekulanten und gutgläubige Kunden
Das Antlitz von Johannes Paul II. schimmert und auch der entschlossene Blick von Rainier III. von Monaco wird noch rasch auf Medaillen verewigt - und dann versilbert. Vor allem die Trauer um den Papst versuchen scheinheilige Schwindler derzeit in klingende Münze umzuwandeln. Internet und Zeitungen strotzen von Angeboten "wertvoller Erinnerungen", die aber zumeist nur einen Bruchteil ihres Kaufpreises wert sind.

Spezialversandhäuser und Geschäfte drängen gutgläubige Kunden nach dem Tod der beiden legendären Männer: "Sichern Sie sich jetzt noch Ihr Andenken." Der Pariser Münzexperte Michel Prieur fasst die Lage drastisch zusammen: "Das ist zum Kotzen."

Keine acht Stunden nach dem Tod des Papstes flatterte Prieur das erste Fax ins Haus, das eine Sondermünze mit eingeprägtem Todesdatum ankündigte. Der 49-jährige Franzose ist bestens informiert: Er gibt Bücher für Sammler heraus, darunter ein Katalog mit allen Münzen und Banknoten der Eurozone. Nepp-Offerten kommen nicht nur aus entlegenen Kleinstaaten wie den Salomonen im Südpazifik, auf denen immerhin 18 Prozent Katholiken leben. Die Inselgruppe bot eilends eine Papst-Sonderprägung feil. Nennwert sind 20 salomonische Dollar - derzeit etwa zwei Euro. Zum Kauf stehen die Stücke für 38 Euro, was Prieur "absolut widerwärtig" findet.

Münzhandelshäuser auch in Deutschland und Frankreich zogen rasch nach; alle nutzen aus, dass es kaum Regelungen für Gedenkmünzen gibt. "Das Bildnis des Papstes ist frei, auch das päpstliche Siegel ist nicht geschützt", betont Prieur. So prangt selbst das offiziell wirkende "Deutschland" auf einer für zehn Euro angebotenen, privaten Silberprägung zum Gedenken an den Papst. Immerhin wird dabei der lateinische Name richtig "Ioannes Paulus II" geschrieben.

Französische Anbieter verlangen dagegen stolze 360 Euro für eine Goldmedaille mit der falschen Schreibweise "Iohannes". Dabei hätten sie die Orthografie einfach von einer echten Fünf-Euro-Sondermünze abkupfern können, die der Vatikan 2002 selbst herausbrachte. Erst mit dem unmittelbar aufeinander folgenden Todesfällen von Johannes Paul II. und Rainier III. entdecken viele, dass die beiden kleinsten europäischen Staaten eigene Euro-Münzen herausgeben. Für einen der seltenen Vatikan-Sätze mit Papst blätterten manche seit dem Tod des Pontifex maximus bis zu 400 Euro hin.

Bei den zahlreichen Münzgeschäften im Pariser Börsenviertel gibt es derzeit nur noch einzelne Exemplare der teuersten Vatikan-Jahrgänge. An die 750 Euro werden für einen solchen so genannten Kursmünzensatz verlangt, der in Wirklichkeit natürlich niemals in Umlauf kommt - fast 200 mal mehr als der Nennwert der Geldstücke von ganzen 3,88 Euro. Dabei sind die meisten Geldstücke nicht einmal besonders gut gemacht: "Sie fühlen sich weich an, und die Ränder sind stumpf", nörgelt Fachmann Prieur.

Immerhin sind diese Münzen echte Zahlungsmittel, ebenso wie die immer noch recht seltenen Grimaldi-Wappen oder die Rainier-Porträts auf den Euro- und Cent-Stücken aus Monaco. Angesichts von Auflagen von teils nur mehreren zehntausend Stück und Angeboten zu Mondpreisen gelangen viele Münzen offenbar auf windigen Wegen in den Handel. So verschwanden nach Angaben von Prieur 13.000 Sätze der ersten Euro-Ausgabe aus dem Vatikan von der Bildfläche und tauchten erst nach und nach auf.

Das Interesse an den Papst-Euros speist sich nach Einschätzung des Pariser Numismatikers nur zu einer kleinen Minderheit aus "ernsthaften Sammlern", die unbedingt auch den Kirchenstaat in ihrer Kollektion sehen wollen: Die weitaus meisten - etwa 50.000 bis 100.000 - seien "Spekulanten-Idioten", die in kürzester Zeit auf die Nase zu fallen drohten. "Alle diese Leute müssen diese Münzen innerhalb von höchstens vier Tagen wieder abstoßen", sagt er voraus. Wirklich an Wert gewinnen würden das päpstliche Geld wahrscheinlich "erst in hundert oder 150 Jahren". (apa)

8.4.2005 15:28