Ein Roman zeichnet mit Ironie und Schärfe das Porträt des legendären Sexualforschers
Wien (APA) - Gallwespen waren ursprünglich das Studienobjekt des amerikanischen Biologen Dr. Alfred Kinsey. Zu Beginn der 1940er Jahre wandte er sich seiner eigenen Spezies zu und hatte kein geringeres Ziel, als erstmals das sexuelle Verhalten amerikanischer Bürger zu erforschen und quantifizieren. Unter dem Namen "Kinsey-Report" ging die Studie in die Sexualgeschichte ein. Im Roman "Dr. Sex" zeichnet T. C. Boyle Kinseys Biografie nach und rechnet gleich auch ein wenig ab mit der Verwissenschaftlichung von Sexualität und den bigotten Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft.
Dabei bedient sich Boyle, Experte für die literarische Aufarbeitung berühmter amerikanischer Männer, eines erzählerischen Kniffs und beschreibt Kinseys Geschichte aus der Ich-Perspektive eines fiktiven Assistenten, des Studenten John Milk. Dieser besucht das etwas sektiererisch anmutende, nur für verlobte Studentenpaare erlaubte "Eheseminar" Kinseys, das analytisch-sachlich über Sexualverkehr unterrichtet. Fasziniert von "Prok", so Kinseys Rufname, erzählt auch Milk ihm seine "Sex-Geschichte" und wird zum engsten Mitarbeiter des Großprojektes, 100.000 Amerikaner nach deren sexuellen Gewohnheiten zu befragen.
Milk gerät zunächst vollkommen unkritisch und auch sexuell unter die Bannkraft "Proks". Erst mit der Zeit und unter dem Einfluss seiner hübschen und klugen Ehefrau Iris, einer Kritikerin Kinseys, emanzipiert er sich. Dennoch bleibt er Kinsey bis an dessen Lebensende (das dramaturgisch am Beginn des Romans steht) loyal ergeben.
"Dr. Sex" ist der reißerische deutsche Titel des Buchs, das im englischsprachigen Original "The Inner Circle" heißt. Im Grunde geht es auch nicht vordergründig um Sex. Der kommt schon vor und wird auch mit der nötigen Drastik geschildert, aber eigentlich scheint es Boyle um das Erfassen einer genialen und charismatischen Figur wie Kinsey zu gehen, der, wie auch andere originäre Erneuerer, sein Leben und das seines "engsten Kreises" völlig einem einzigen Ziel unterordnet.
Es gelingt Boyle hervorragend, die Ambivalenz Kinseys herauszuarbeiten, der gleichzeitig begnadet, hochintelligent und freundlich ist, aber auch egozentrisch, diktatorisch, fordernd und anspruchsvoll. Boyle vermittelt diese komplexe Persönlichkeit mit dem gebührenden Respekt, aber nicht ohne Ironie und mittels feinst geschliffener Sprach-Klinge.
Die Figur des Milk ermöglicht es Boyle, seine persönliche Kritik einzubringen am Denken Kinseys, der rein biologischen Betrachtungsweise von Geschlechtsakten: Boyle läßt Milk die Kehrseiten der "freien Sexualität" in allen zwischenmenschlichen Abgründen erleben. Trotzdem verkauft er sein literarisches Vorbild Kinsey nicht billig als Monomanen und sexuell Besessenen, als den ihn die amerikanische Öffentlichkeit auch heute noch gern sieht, und vergisst auch nicht, an den fortschrittlichen Wissenschafter zu erinnern, der immerhin als erster den Amerikanern einen Spiegel vor ihr prüdes und bigottes Antlitz hielt.
Am Ende jedoch gibt Boyle einer romantischen Regung nach, und so hinterlässt die Lektüre schließlich vorwiegend den Eindruck einer Liebesgeschichte zwischen Milk und Iris. Einer komplizierten zwar, aber doch einer mit Happy End, in dem wahre körperliche und geistige Liebe jenseits aller Messbarkeit liegt.
(T. C. Boyle: "Dr. Sex", Roman, Carl Hanser Verlag, ISBN 3-446-20566-7, 26,40 Euro )
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