"Kinsey" kommt: Sexualtrieb und Forschungsdrang als brisante Mischung
- Bill Condon verfilmte das Leben von Alfred C. Kinsey
- Mit Liam Neeson in der Hauptrolle - Start am 25. März

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Durchklicken: Kinsey - Die Wahrheit über Sex' startet
Wien (APA) - "McKinsey kommt" hieß im Vorjahr ein Drama von Rolf Hochhuth, das Schlagzeilen machte und sich mit der Tätigkeit von Unternehmensberatern auseinander setzte. Der neue Schlachtruf heißt: "Kinsey kommt!" Denn der US-Sexualforscher Alfred C. Kinsey (1894-1956), der 1948 mit seiner Studie über "Das sexuelle Verhalten des Mannes" eine wahre Revolution auslöste, hat nicht nur den Autor T. C. Boyle, sondern auch den Filmregisseur Bill Condon inspiriert. Das Buch "Dr. Sex" ist seit kurzem in deutscher Übersetzung erhältlich, der Streifen "Kinsey", der Abschluss-Film der diesjährigen Berlinale, startet am 25. März in den österreichischen Kinos.
Der Ire Liam Neeson, seit seiner Hauptrolle in "Schindlers Liste" ein Weltstar, spielt den berühmten Mann. Ein verschlossener junger Professor, der sich nach seinem Studium der Biologie und Psychologie auf die Erforschung von Gallwespen spezialisiert hat. Erst seine Bekanntschaft und spätere Heirat mit der Studentin Clara (Laura Linney war für ihre Darstellung zu Recht für den Oscar nominiert) weitet sein Interesse auf die menschliche Spezies aus. Die Hochzeitsnacht, für beide die erste Begegnung mit der körperlichen Liebe, verläuft katastrophal, doch wer an den Fortschritt glaubt, sucht Rat bei der Wissenschaft. Als Kinsey erkennt, dass die eigene Unwissenheit über Sexualität durchaus repräsentativ für seine Artgenossen ist, lässt er nach zwei Jahrzehnten die Insekten links liegen und beginnt mit der Feldforschung in den Betten der Amerikaner. Ohne es recht zu wollen, wird er zum Revolutionär.
Regisseur Condon (für sein Drehbuch von "Gods and Monsters" 1999 mit dem Oscar ausgezeichnet) hat seinen Film als Porträt angelegt, als sehr personalisierte Auseinandersetzung mit Wissenschaftsgläubigkeit und Forscherdrang. Das gibt seinem Hauptdarsteller viel Möglichkeit, sich als schrulligen Egghead zu präsentieren, und aus der Diskrepanz, dass intimste Details wie wertfreie Naturbeobachtungen erfasst, katalogisiert und zu Statistiken verarbeitet werden, wird auch so manche Komik gewonnen. Und doch gewinnt man mit Fortdauer des Films immer mehr den Eindruck, dass sich "Kinsey" um den Kern der Sache herumschwindelt.
Es geht eben nicht um das Liebesleben der Maikäfer, und die Tatsache, dass nicht nur der "Kinsey-Report" einst weltweit Schlagzeilen machte, sondern auch Condons Film für Proteste unter Amerikas Konservativen sorgte, zeigt deutlich, wie sehr ein wunder Punkt berührt wurde. Kaum etwas davon findet sich in dem Film. Die Anfeindungen werden eher beiläufig mit Streichungen von Forschungssubventionen behandelt, aber sonst geben die Menschen mit erstaunlicher Offenheit reihum Auskünfte über die intimsten Details ihres Lebens. Dass Kinsey mit seinen Befragungen nicht nur Tabus brach und natürliche Hemmungen und Barrieren jedes Einzelnen überwinden musste, sondern auch ganz zentrale Fragen des Umgangs von Gesellschaft und Politik mit Privatheit berührte, dass Aufklärung und Wissenschaftlichkeit hier auf Schritt und Tritt mit (Doppel-)Moral und (Aber-)Glaube konfrontiert wurden, all das wird kaum thematisiert. Ob Dr. Kinsey ein seltsamer Kauz war oder ob er homosexuelle Gefühle zu Mitarbeitern hegte und zuließ, ist dagegen eine völlig banale und unwichtige Frage.
So gesehen hat "Kinsey" ein extrem brisantes Thema ziemlich unbefriedigend umgesetzt. Aber das soll es im zwischenmenschlichen Bereich ja öfters geben. (APA/red)
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